Black Lives Matter

Rassismus

Black Lives Matter und Rassismus in Deutschland

Die Black Lives Matter Bewegung entstand zwar 2013, war aber noch nie so präsent wie im Jahr 2020. Weltweit gingen Millionen Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu kämpfen. Der Grund? Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Perry Floyd. Durch den Vorfall erlebt die Bewegung einen bisher nie da gewesenen Aufschwung. Warum tötet Rassismus noch heute und inwiefern steckt in jedem von uns ein*e  Rassist*in? 

George Perry Floyd geht am 25. Mai 2020 um kurz vor 20:00 Uhr in das Lebensmittelgeschäft „Cup Foods“ an der Chicago Avenue in Minneapolis, um sich eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. Eineinhalb Stunden später wird der 46-jährige Afroamerikaner für tot erklärt. Wie konnte es dazu kommen?

Zwei Mitarbeiter des Mini-Supermarktes folgen ihm zu seinem Auto und beschuldigen ihn, seine Zigaretten mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben. Dann fordern sie Floyd auf, die Zigaretten zurück zu geben, doch dieser weigert sich. Er wirkt auf die Mitarbeiter angetrunken. Daraufhin ruft einer der Mitarbeiter die Polizei. Nun beginnt ein Alptraum, der schon ganz bald die ganze Welt erschüttern wird.

Der erste Streifenwagen fährt schon nach wenigen Minuten vor. Die Polizisten ziehen Floyd aus dem Auto, fesseln seine Hände hinter seinem Rücken und stellen ihn an eine Wand, wo er jedoch gleich zusammensackt. Er weint, macht einen schwachen Eindruck und zeigt keine Gegenwehr. „Please don’t shoot me, man. Please“, sagt er ängstlich. Daraufhin versuchen die Polizisten, Floyd in ihren Streifenwagen zu setzen. Er weigert sich zunächst und zum ersten Mal äußert er: “I can’t breathe.“

“I can’t breathe.“ - GEorge Floyd


In der Zwischenzeit trifft ein weiterer Streifenwagen ein. Aus diesem steigen die beiden Polizisten Derek Chauvin und Tou Thao aus. Chauvin übernimmt das Kommando, es gibt ein erneutes Gerangel und Floyd beginnt aus dem Mund zu bluten. Polizist Derek Chauvin lässt Floyd auf den Boden fallen, fixiert ihn und drückt das Knie auf seinen Hals. Er leistet keinen Widerstand. Passant*innen fangen an, das Geschehen zu filmen. George Floyd fleht: „I can’t breathe, I can’t breathe, man. Please.“ Er wiederholt den Satz mindestens 15 Mal innerhalb von fünf Minuten. Doch der Officer zeigt keine Regung. George Floyd liegt völlig hilflos am Boden. Die Passant*innen rufen den Polizisten zu, sie sollen Floyd atmen lassen, doch vergeblich. Floyd hat kaum noch Kraft zu sprechen. Kurz vor der Bewusstlosigkeit sagt er: „Can’t believe this, man. Mom, love you. Love you. Tell my kids I love them. I’m dead.“ Dann verliert er das Bewusstsein.

8 Minuten und 46 Sekunden lang presst Officer Chauvin sein Knie auf den Hals von George Floyd. Eine Praxis, die im Polizeidepartment in Minneapolis streng verboten ist.
Als der Krankenwagen eintrifft, ist es schon zu spät. Kurze Zeit später hört George Floyds Herz auf zu schlagen.

"We need to erase the fear and hatred that exists. Not erase people. We are all God’s children."
Jennifer Lopez
Sängerin
"I’m exhausted by a heartbreak that never seems to stop. Right now it's George, Breonna and Ahmaud. Before that it was Eric, Sandra and Michael."
Michelle Obama
Rechtsanwältin und Autorin

Die Entstehung von Black Lives Matter

Die soziale Bewegung Black Lives Matter („schwarze Leben zählen“) entstand 2013 in den USA. Grund war der Freispruch des Todesschützen George Zimmerman. Dieser erschoss den 17-jährigen Afroamerikaner Trayvon Martin, als er für eine Bürgerwehr auf Patrouille war. Zimmermans Verteidiger plädierten auf Notwehr und die Geschworenen befanden ihn für nicht schuldig. Dieses Urteil erregte großes Aufsehen und landesweite Proteste.

Mit dem Tod des afroamerikanischen George Floyds, am 25. Mai 2020 in Minneapolis, wurde die weltweite Bewegung (abgekürzt BLM) gegen Rassismus und Polizeigewalt wieder zum Leben erweckt. Die Aufnahmen des Tatgeschehens gingen in den Sozialen Medien viral. Die vier an der Tat beteiligten Polizisten wurden von ihrem Dienst suspendiert und werden des Mordes und der Beihilfe zum Mord angeklagt.

Trotz der Gesetzes- und Verfassungslage in den USA, wo die Sklaverei 1865 abgeschafft wurde und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz gilt, besteht der Rassismus gegen Schwarze. Auch heute bringen Schwarze ihren Kindern bei, was sie sagen müssen, wenn sie von der Polizei festgehalten werden oder wie sie sich in anderen bedrohlichen Situationen verhalten müssen. Auch bei der Jobauswahl, der Bezahlung oder bei Wohnungsbesichtigungen werden Schwarze oft benachteiligt.

Durch den Tod George Floyds wurde die Gesellschaft wachgerüttelt und auf die Missstände, die weiterhin gegen People of Color bestehen, verstärkt aufmerksam gemacht. Neben den People of Color schlossen sich auch viele Weiße der Black Lives Matter Bewegung an, um gegen diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen. So kam es in den USA zu der größten Welle der Bewegung zur Bekämpfung von Polizeigewalt und systematischen Rassismus in der Gesellschaft, die das Land je erlebt hat.

Millionen Menschen gingen auf die Straßen, um zu protestieren. Darunter waren auch viele bekannte Persönlichkeiten, wie Tyga, Cole Sprouse, J. Cole und Ariana Grande. Bei einigen Demonstrationen kam es zu Ausschreitungen. Die Wut und Verzweiflung waren nicht zu übersehen.

Black Lives Matter in Deutschland

Auch in Deutschland kam es zu bundesweiten BLM-Demonstrationen. So versammelten sich statt der 500 angemeldeten Demonstranten über 10.000 Menschen an der Deutzer Werft in Köln unter dem Motto „enough is enough“ („genug ist genug“). Die Teilnehmer*innen hielten wie in Amerika Schilder mit Parolen hoch. Auf ihnen stand unter anderem „No justice – no peace“ oder „Stop Police Brutality”. Ein Teil der Demonstration bestand aus 8 Minuten und 46 Sekunden langem Schweigen. Das ist die Zeit, in der George Floyd um sein Leben kämpfen musste.

Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, dass sie rassistisch handeln. Rassismus ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass wir die Ausmaße oft nicht wahrnehmen. Doch täglich erleben Menschen mit Migrationshintergrund Diskriminierung und Rassismus. 

In unserem Quiz findest du heraus, wie gut du tatsächlich über Rassismus in Deutschland informiert bist.

Die Entstehung von Rassismus

Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Sein Arbeitsschwerpunkt ist unter anderem Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen.

Fereidooni hat im Interview mit uns Rassismus und die Auswirkungen in Deutschland erläutert, die Black Lives Matter Bewegung charakterisiert und über die aus der Bewegung entstandenen Chancen gesprochen.

Er definiert Rassismus „als eine Spielart von Diskriminierung, die sich aber nur auf einen Aspekt bezieht, nämlich die zugeschriebene oder faktische Herkunft von Personen, die abgewertet wird.“

Karim Fereidooni
Rassismusexperte Prof. Dr. Karim Fereidooni

Oft stellt man sich die Frage, wie Rassismus überhaupt entsteht und wieso dieser auch heute noch so stark präsent ist. Dafür hat Fereidooni zwei Erklärungsansätze: Rassekonstruktion und Traditionslinien. Er ist davon überzeugt, dass es keine menschlichen Rassen gibt, sondern diese vom Rassismus erfunden wurden, um den Kolonialismus in Afrika zu rechtfertigen. Laut Fereidooni herrscht diese Ungleichheitsstruktur schon seit über 500 Jahren und wird immer wieder durch stereotypische Vorurteile neu interpretiert.
People of Color erleben tagtäglich die Auswirkungen dieser Vorurteile.

Alltagsrassismus in Deutschland

Bilal T. ist 23 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Köln. Er hat marokkanische und senegalesische Wurzeln. Als Person of Color hat er schon einige Erfahrungen mit rassistischem Verhalten gemacht: „Meistens sind es nur Blicke. Vor allem wenn ich durch Wohngegenden laufe, wo nicht viele Schwarze leben. Dann wird man schon öfter mal schief angeguckt.“ Er ist, was Blicke betrifft, schon abgehärtet: „Ich bin zwar genervt von den Blicken, aber versuche, das einfach nicht an mich ranzulassen. Entweder gucke ich einfach weg oder ich gucke einfach zurück.“

Auch Prof. Dr. Fereidooni hat mit solch einer situativen Diskriminierung zu kämpfen: „Erstens glaubt mir niemand, wenn ich am Bahnhof stehe, dass ich Professor bin. Zweitens habe ich mit dem Namen Fereidooni schlechtere Karten, wenn ich eine Wohnung haben will und ich nicht gleich sage, ich bin Professor.“

Fereidooni geht davon aus, dass wir alle rassismusrelevante Wissensbestände besitzen und anwenden. „Wir wissen aus unterschiedlichen Studien, dass Rassismus weder mit dem Geschlecht noch mit dem Alter, dem Einkommen oder dem Bildungshintergrund zu tun hat.“ Allein wenn man sich die Abgeordneten der AfD anschaut, wird schnell deutlich, dass rassistische Einstellungen keine Wissenslücke ungebildeter Menschen sind. In der Partei sind viele Professor*innen und Polizist*innen vertreten.

Auch Bilal hat sich schon des Öfteren von der Polizei ungerecht behandelt gefühlt.
„Es gab eine Situation am Zülpicher Platz, wo ein ebenfalls schwarzer Freund und ich mit einigen weiteren weißen Personen über eine rote Ampel gegangen sind, um die Bahn zu bekommen. Nur mein Freund und ich wurden von der Polizei gestoppt und wir mussten Strafe zahlen, die anderen nicht. Das kam mir schon sehr komisch vor.“ Er erzählt, dass polizeiliche Kontrollen besonders nach der Silvesternacht 2015 stark zugenommen haben. So wurde er ungewöhnlich oft von der Polizei kontrolliert. Auch wenn er nur in der Stadt unterwegs war, ohne sich auffällig zu verhalten, gab es sogenannte „Routinekontrollen“, bei denen sogar der Inhalt seines Handys geprüft wurde. „Besonders bei solchen Polizeikontrollen fühle ich mich ungerecht behandelt.“

Eine Polizeikontrolle hat George Floyd sein Leben gekostet. Dennoch ist daraus auch ein Lichtblick für unsere Gesellschaft entstanden. Die Black Lives Matter Bewegung könnte ein entscheidender Schritt in eine Zukunft ohne Diskriminierung und Rassismus sein.

Auswirkungen von Black Lives Matter

Fereidooni erzählt uns von einigen Veränderungen, die durch die Black Lives Matter Bewegung entstanden sind. Er selbst arbeitet in zwei Kommissionen mit, die den Bundestag in Bezug auf Rassismus und Rechtsextremismus sowie antimuslimischen Rassismus beraten. „Politik reagiert nur auf Druck“, erklärt Fereidooni „die soziale Bewegung auf der Straße hat dazu geführt, dass sich ein Problembewusstsein bei Politiker*innen durchgesetzt hat.“ Unter anderem berichtet er von Maßnahmen zur Bekämpfung von strukturellem Rassismus, die Ende November 2020 verabschiedet worden sind. Es handelt sich um einen 89-Punkte-Plan für die nächsten vier Jahre. Dabei werden eine Milliarde Euro in den Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus fließen. Die Bundeszentrale für politische Bildung erhält über 50 neue Stellen, die sich ausschließlich mit diesen Themen beschäftigen.

Bei Black Lives Matter geht es neben dem Kampf für die Gleichberechtigung Schwarzer vor allem auch um die Schaffung eines neuen Bewusstseins der Weißen: „Weiße Menschen sollen nicht nur auf die Straße gehen, um schwarzen Menschen zu helfen, sondern weiße Menschen machen bei Black Lives Matter mit, um sich selber zu helfen, damit Rassismus nicht ihren Alltag strukturiert und damit sie in Bezug auf Rassismus sensibilisiert werden“, so Fereidooni. Er spricht von einem breiten Solidaritätsbündnis zwischen Weißen und People of Color. 

„Wenn man nicht rassistisch sein will, muss man sich mit Rassismus beschäftigen.“
– PROF. DR. K. FEREIDOONI

Ein wichtiger Schritt in eine Zukunft frei von Rassismus ist die Rassismuskritik in allen Bereichen, aber vor allem in Bildungseinrichtungen. Laut Fereidooni sollte sich jede*r Einzelne von uns mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen. Besonders die persönliche Weiterbildung spiele eine große Rolle. Wichtig sei dabei, dass man die Existenz von Rassismus nicht leugnen sollte. „Rassismus ist kein Problem unserer Gesellschaft, sondern ein Strukturierungsmerkmal“, sagt Fereidooni. Darüber hinaus sollte man nicht versuchen Rassismus zu rechtfertigen, sondern die Probleme stattdessen erkennen und ernst nehmen.
Bilals Wunsch für die Zukunft: „Man sollte Menschen nie in eine Schublade stecken. Es ist wichtig, eigene Erfahrungen mit Menschen jeder Herkunft oder Hautfarbe zu machen, bevor man über diese urteilt. Mensch ist Mensch.“

Quellen und Bildrechte

Titelbild 

  • Bild von Jan Blömeke

Tatgeschehen zur Tötung von George Floyd

Die Entstehung von Black Lives Matter

Video BLM-Demo in Köln

Quiz Rassismus in Deutschland

Die Entstehung von Rassismus

Bildergalerie – Auswirkungen von Black Lives Matter

  • Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4 von Jan Blömeke
  • Bild 5 und Bild 6 von Nia Stern
 

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