Toxische Maskulinität

Wie Männlichkeitsnormen der Gesellschaft und dem Individuum schaden

„Grab ‚em by the pussy. You can do anything“. Das sagte Donald Trump 2005 bei der Produktion einer Fernsehsendung zu seinem Kollegen Billy Bush. Was von Donald Trump als „Locker-Room-Talk“ heruntergespielt wurde, beschreibt im Kern nichts anderes als einen sexuellen Übergriff. Was für ein Bild von Männern und Frauen wird in solchen Aussagen transportiert? Das Geschlechterverständnis Trumps in diesem Beispiel kann unter einem Sammelbegriff zusammengefasst werden – toxische Männlichkeit.

 

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch Partnerschaftsgewalt getötet, besagt eine Auswertung des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2018. 98,4 % der Opfer von Vergewaltigung, sexuellen Übergriffen und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind weiblich. Damit steht fest: Frauen sind durch ihre Partner oder Ex-Partner einer messbaren Bedrohung ausgesetzt. Dabei wird deutlich, dass dieses Bedrohungspotenzial sich in Partnerschaften zwischen Männern und Frauen asymmetrisch verteilt.

 

Die Suizidrate bei Männern ist etwa 3x höher als die von Frauen. Paradoxerweise werden sie jedoch deutlich seltener mit Depressionen diagnostiziert. Klinische Erfahrungswerte legen nahe, dass bei Männern ein Zusammenhang zwischen dem Risiko, an einer Depression zu erkranken und dem Wunsch einem stereotypischen, traditionellem Männlichkeitsbild zu entsprechen, besteht.

Gewalt gegen sich und Andere

Was haben Partnerschaftsgewalt und die Suizidrate von Männern gemeinsam? In beiden Fällen wird Schaden angerichtet. Bei der Gewalt, der Frauen durch Männer in Beziehungen ausgesetzt sind, besteht eine Fremdgefährdung durch den männlichen Part, im Fall von männlichem Suizid eine Selbstgefährdung. Das Phänomen der toxischen Männlichkeit verbindet beides, also Fremd- und Selbstgefährdung. Generell geht es dabei um ein männliches Rollenbild, das sich durch Dominanz und Aggressivität auszeichnet, sowie eine Unterordnung von Frauen befürwortet. Die dahinterstehende Ideologie hat eine lange Geschichte und wurde viele Jahrzehnte unter dem Begriff hegemoniale Männlichkeit zusammengefasst. Jedoch wird dabei nur fremdschädigendes Verhalten mit einbezogen, zum Beispiel gegen Frauen oder Homosexuelle. Toxische Männlichkeit erweitert dieses Männlichkeitsbild um eine weitere Dimension, indem auch selbstschädigendes Verhalten eine Rolle spielt. 

 

Vorab ist es wichtig zu klären, dass toxische Männlichkeit eine Kritik an dem Männlichkeitsbild dieser Gesellschaft und daraus resultierenden Verhaltensmustern meint. Es geht nicht darum, Männer per se zu kritisieren, denn inwieweit sich eine gesellschaftliche Erwartungshaltung auf Männer auswirkt, ist sehr individuell. Es wäre also ein Trugschluss und unfair, hier zu pauschalisieren.

Das Patriarchat - Die Wurzeln toxischer Männlichkeit

Versucht man die Wurzeln toxischer Männlichkeit zu ergründen, stößt man schnell auf den Begriff Patriarchat. Damit ist eine Gesellschaftsordnung gemeint, in der Männern eine bevorzugte Stellung zugeschrieben wird, zum Beispiel in Beruf, Familie oder sexueller Selbstbestimmung. Obwohl Männer und Frauen in Deutschland gesetzlich die gleichen Rechte zugestehen, zeigen sich in der gesellschaftlichen Realität immer noch Rückstände dieser Gesellschaftsordnung.

Ein Beispiel dafür ist, dass es gängige Praxis ist, dass die Frau den Namen ihres Mannes bei der Eheschließung annimmt. Ein anderes Beispiel zeigt sich in der Berufswelt. Nur 8,7 % der Vorstandsposten in Deutschland waren 2019 von Frauen besetzt. Hieran zeigt sich, dass Führungspositionen in Unternehmen immer noch größtenteils in männlicher Hand liegen.

Wie patriarchale Strukturen das Leben in unserer Gesellschaft beeinflussen, zeigt sich unter anderem an der MeToo-Debatte. Als im Oktober 2017 publik wurde, dass der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein von etlichen Frauen der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung beschuldigt wurde, rief die Schauspielerin Alyssa Milano via Twitter dazu auf, dass Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, auf ihren Tweet mit #MeToo antworten sollen. Daraufhin trendete der Hashtag in 85 Nationen sowie alternative Varianten davon in nicht-englischsprachigen Ländern. Das Bewusstsein für die Möglichkeit sexueller Übergriffe durch Männer in Machtpositionen wurde somit deutlich größer und eine weltweite Debatte wurde angestoßen.

Die Bedeutung von Vorbildern für das Geschlechterverständnis

Aber nicht nur in der Medienbranche, sondern auch in der Politik lassen sich toxische männliche Verhaltensweisen erkennen. Ein sehr klares Beispiel dafür ist Donald Trump. In seinem „Locker-Room-Talk“ von 2005 spricht er darüber, wie er sich gegenüber attraktiven Frauen verhält. Dazu sagt er folgendes:

Die Aussagen an sich sind in der Hinsicht problematisch, dass sie zu sexuell übergriffigem Verhalten aufrufen und kein beidseitiges Einverständnis voraussetzen. Daraus resultiert nach Auffassung des Institutsleiters für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Professor Dr. Dirk Baier, außerdem noch ein weiteres Problem:

Im Falle Trumps ist das oben beschriebene Verhalten in zweierlei Hinsicht besorgniserregend: Zum einen liegt eine klare Grenzüberschreitung gegenüber der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen vor, zum anderen wird diese durch die Vorbildfunktion, die ihm als Präsident der USA innewohnt, an viele Menschen weitergetragen.

 

Ein aktuelles Positivbeispiel für ein flexibleres und individualistischeres Männerbild stellt Harry Styles dar. Der Pop-Musiker, ehemaliges Mitglied der Boyband OneDirection, hat es auf das Cover der Dezemberausgabe der amerikanischen Vogue geschafft – in einem Kleid. Die Bilder des zugehörigen Fotoshootings sind auf Instagram und Tik Tok viral gegangen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er Bilder von sich im rosafarbenen Ballett-Tutu mit Sektglas in der Hand. Er spielt dabei bewusst mit den Geschlechterrollen und vermittelt damit eine gewisse Durchlässigkeit und Vermischung von „typisch weiblichen“ und „typisch männlichen“ Attributen. Obwohl oder vielleicht gerade deswegen ist seine weibliche Fangemeinde sehr groß und er wird dort als attraktiver Mann verstanden.

Donald Trump und Harry Styles vermitteln sehr unterschiedliche Männerbilder. Obwohl Harry Styles sich auf seinem Instagram-Kanal (im konventionellen Verständnis) feminin präsentiert, hat er eine große Anhängerschaft, was sich zum Beispiel an seinen 35,9 Mio. Followern (Stand: Januar 2021) zeigt. Jedoch erfordert es eine Menge Mut, sich von dem gesellschaftlich erwünschten männlichen Verhalten loszulösen. Es besteht die Möglichkeit, dass Männer sich unter Druck gesetzt fühlen, einem traditionellen, toxischen Männlichkeitsbild zu entsprechen – eben weil so häufig ein anderes Verständnis von Männlichkeit propagiert wird.

Depressionen bei Männern

In dem Zusammenhang lohnt es sich, einmal genauer auf Depressionen bei Männern zu blicken. Im Allgemeinen ist die Ursache einer Depression „eine nicht ausgelebte Aggression oder eine selbstunsichere Persönlichkeitsstruktur“, sagt Prof. Dr. Armand Hausmann, Psychologe an der Universitätsklinik Innsbruck. Hinzu kommt bei männlicher Depression laut Hausmann Folgendes:

Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Anne-Maria Möller-Leimkühler forscht seit Jahren zu dem Thema und hat in wissenschaftlichen Artikeln zu Geschlechterrollen und psychischen Erkrankungen einen Zusammenhang zwischen dem Risiko, an einer Depression zu erkranken, und dem Identifikationswunsch mit stereotypischen Männlichkeitsbildern gefunden:

 Je mehr sich Männer an stereotypischen Männlichkeitsbildern orientieren, desto schlechter ist ihre psychische Gesundheit, desto ausgeprägter sind nach außen verlagerte Symptome bei Depressionen und desto wahrscheinlicher ist ein Suizidversuch. Statistisch erkranken Frauen etwa 2-3x häufiger an Depressionen als Männer; paradoxerweise ist die Suizidrate bei Männern jedoch 3x höher. Selbstverständlich steht nicht jeder Suizid in direkter Verbindung zu einer vorhergegangenen Depression, jedoch deuten die Zahlen trotzdem darauf hin, dass Depressionen bei Männern häufig undiagnostiziert bleiben.

Hausmann hat sich genau mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und ist Autor des wissenschaftlichen Artikels „Frauen suchen Hilfe – Männer sterben! Ist die Depression wirklich weiblich?“, der in der Fachzeitschrift „Neuropsychiatrie“ veröffentlicht wurde. Zu Depression bei Männern erzählt er Folgendes:

Als soziologische Erklärungsmöglichkeiten könnten mangelnde Hilfesuche, schlecht funktionierende Stressverarbeitungsmuster und Gender-Bias in der Depressionsdiagnostik genannt werden. Hierbei zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Die gesellschaftliche Vorstellung von Männlichkeit könnte eine Ursache dafür sein, dass die Dunkelziffer von Männern, die an Depression leiden, so hoch ist. Diese Thematik ist epidemiologisch nur wenig erforscht, zeigt sich aber in der klinischen Praxis häufig.

Hinzu kommt, dass Männer sich im Schnitt seltener in psychologischer Behandlung befinden als Frauen. Dies führt dazu, dass die Depressionsymptomatik bei Männern, die von der bei Frauen abweichen kann, weniger gut erforscht ist. Dr. Hausmann sieht eine Erklärungsmöglichkeit darin, dass Männer häufiger von sich erwarten würden, selbstständig mit Problemen klarzukommen, und ein höheres Autonomiebedürfnis hätten als Frauen. Dafür, dass die Forschungslage zu diesem Thema nicht besonders gut ist, könnte es laut Hausmann folgende Begründung geben: Patriarchale Strukturen hinterfragen sich nicht gerne selbst“.

Incels als Auswuchs toxischer Männlichkeit

Eine Form der extremen Ausprägung von toxischer Männlichkeit kann in der Incel-Bewegung gefunden werden. Das Wort Incel steht für involuntary celibates, also unfreiwillig zölibate Männer. In Internetforen wie 4chan oder lookism.net verbreiten sie Gewaltphantasien gegen Frauen und motivieren sich untereinander zum Suizid. Den Grund für ihren Frauenhass finden sie im Feminismus, der unter anderem dazu führe, dass Frauen sich keine unattraktiven Sexualpartner suchten – und damit keine Incels.

 

Erschreckenderweise findet dieser Hass seinen Weg immer wieder aus dem Netz in die Realität, so zum Beispiel im Isla Vista Shooting von 2014. Der Attentäter tötete in der Nähe des Campus von Santa Barbara sechs Menschen, dreizehn wurden verletzt. Zuvor hatte er ein Manifest verfasst, in dem er Incel-typische Aussagen tätigte und seinem Hass auf Frauen, die ihn zurückgewiesen hatten, Raum gab. Die Verbindung von Incels und toxischer Männlichkeit sieht der Züricher Kriminologe Baier wie folgt:

 

Toxische Männlichkeit auflösen

Toxische Männlichkeit ist ein Problem, sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum. Sich darüber im Klaren zu sein, ist der erste Schritt, dem entgegenzuwirken. Jedoch ist es im nächsten Schritt wichtig, sich über die Ursachen im Klaren zu sein. Laut Dr. Baier gibt es folgende Erklärungsmöglichkeiten:

Der erzieherische Umgang mit Jungen und Mädchen und die damit verbundenen Geschlechterbilder könnten also ein Ursprung des Problems sein. Deshalb ist es umso wichtiger, den Blick auf die Vermittlung von Werten, Normen und Selbstwert in der Kindererziehung zu lenken. Sätze wie „Jungs weinen nicht“ oder „Jungs zeigen keine Schwäche“ vermitteln sehr früh einen gesellschaftlichen Anspruch, der später zum Selbstbild wird.

 

Eine weitere Rolle spielt Gewalt in der Erziehung. Hierzu stellt Baier fest, dass Jungen von Eltern, die physische Gewalt ausüben, im Laufe ihres Lebens häufiger physische Gewalt reproduzieren.

Fazit

Für uns ist im Laufe der Recherchen klar geworden: Obwohl toxische Männlichkeit ein relativ neuer Begriff ist, ist das zugehörige Verhalten schon seit langem gesellschaftlich relevant. Was früher als Machismo verstanden wurde, hat in der heutigen Zeit einen neuen, treffenderen Namen. Die heutige Gesellschaft braucht keine toxische Männlichkeit. Das Recht des Stärkeren sollte seine Existenzberechtigung verloren haben. Dass es trotzdem vorkommen kann, dass Männern genau dieser Anspruch von außen vermittelt wird, ist nicht mehr zeitgemäß.

Toxische Männlichkeit braucht Vorbilder, diese können zum Beispiel in Politik, Medien oder der Familie gefunden werden. Als Negativbeispiel dafür können Politiker wie Donald Trump gesehen werden, die eine Personifikation von toxischer Männlichkeit darstellen. Das Bild von Männlichkeit, das Jungen in Kindergarten oder Schule vermittelt wird, prägt unter Umständen ihr Selbstverständnis und ihren Selbstanspruch als Männer. Ebenso spiegeln sich Gewalterfahrungen, die als Kind im familiären Kontext erlebt wurden, in einer erhöhten Gewaltbereitschaft von Erwachsenen wider.

Es versteht sich von selbst, dass ein Männlichkeitsbild, das sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat, nicht von heute auf morgen überholt wird. Doch Harry Styles zum Beispiel zeigt in der aktuellen Diskussion: männlich ist, wer sich männlich fühlt. Egal ob mit Lederjacke und Bier oder Tutu und Sekt.

Diese Beiträge könnten dich interessieren:

Hintergrundbild Test
Proteste gegen das Abtreibungsverbot während der 2. Feminismus-Welle, Juni 1988