Kleines Haus, große Freiheit?

Wohnen

Tiny-House-Movement: 20 m² Eigenheim

Das Tiny-House-Movement hat ein zentrales Ziel: überflüssige Quadratmeter abschaffen. Wer in einem Tiny House lebt, bewohnt nur so viel Raum, wie er oder sie wirklich braucht. Platz für viel Konsum bleibt da nicht. Doch genau das ist es, was viele Anhänger*innen der Bewegung schätzen. Was braucht es, damit ein Leben im Tiny House auf lange Sicht funktioniert? Und sind Tiny Houses wirklich für jeden geeignet?

Woran denkst du, wenn du die Umschreibung “kleines Haus” hörst? Die meisten Menschen haben dabei vermutlich ein schmales Reihenhaus oder vielleicht einen kleinen Bungalow vor Augen. Laut Fertighauswelt.de verfügt ein durchschnittliches Einfamilienhaus in Deutschland über rund 140 Quadratmeter – vielleicht denkst du also an irgendwas unter 100 Quadratmetern?

Das Tiny-House-Movement bringt das Thema „kleine Häuser“ auf ein ganz neues Level. Denn obwohl es nicht das typische Tiny House gibt: Die meisten von ihnen kommen mit gerade einmal 15 bis 45 Quadratmetern Wohnfläche aus. Verglichen mit einer Studie des Statistischen Bundesamtes, die besagt, dass in Deutschland durchschnittlich 47 m² Wohnfläche pro Kopf beansprucht werden, scheint das beinahe zu winzig, um wahr zu sein. Doch trotz der kleinen Wohnfläche ist die Vielfalt groß. Da das einzige Kriterium von Tiny Houses die Quadratmeterzahl ist, gibt es zahlreiche Unterformen. Diese reichen von wenig spektakulären Mini-Bungalows über Tiny Houses auf Rädern, ausgebauten Schulbussen und umgebauten Schiffscontainern bis hin zu Baumhäusern oder Hausbooten. Für diese Unterformen gelten wieder eigene Regeln. So darf beispielsweise ein Tiny House, das auf einem PKW-Anhänger gebaut ist, nicht breiter als 2,55 m und nicht höher als 4 m sein und nicht mehr als 3,5 Tonnen wiegen.

Ein Tiny House auf Fundament
Ein Hausboot aus alten Schiffscontainern
Ein Baumhaus auf Stelzen

Die Tiny-House-Bewegung stammt aus den USA und erfuhr ihren ersten Boom durch das 1997 veröffentlichte Buch der Architektin Sarah Susanka. Darin schreibt sie über Möglichkeiten, umweltfreundliches Wohnen auf wenigen Quadratmetern mit elegantem Design zu verbinden. In den folgenden Jahren wurde das Thema aufgrund aktueller Geschehnisse auch international immer wieder aufgegriffen – beispielsweise aufgrund von Wohnungsnot in Großstädten oder als eine Möglichkeit zum Wiederaufbau nach Naturkatastrophen. In den vergangenen Jahren erhielt das Thema erneut mediale Aufmerksamkeit und schwappte im Rahmen des Minimalismus-Trends auch nach Deutschland herüber.
Der Grundgedanke der Bewegung: die „Leben-im-Überfluss”-Mentalität umzukehren und das steigende Konsumverhalten zu hinterfragen. Denn obwohl die Anzahl der Personen in einem US-amerikanischen Haushalt über die Jahre tendenziell immer weniger wurde, nahm die Wohnfläche weiter zu. Dieses Phänomen ist nicht nur in den USA zu beobachten, sondern betrifft nahezu alle Industrieländer. Laut der oben genannten Studie ist auch in Deutschland die Wohnfläche pro Kopf von 1991 bis 2019 stetig gestiegen – von rund 35 auf 47 Quadratmeter.

Tati empfand diese zusätzlichen Quadratmeter als überflüssig. Sie ist Studentin aus Deutschland, bloggt auf Incapitalletters über Nachhaltigkeit und hat gemeinsam mit ihrem Freund ihr eigenes Tiny House gebaut. Seit Ende 2019 leben sie in Sachsen zu zweit im ehemaligen Schaustellerwagen auf 23 m². Die Entscheidung für ein Leben im Tiny House hatte bei ihr vor allem ökologische Hintergründe.

Mit dem Ziel, bewusster zu kaufen, geht bei vielen Anhänger*innen der Bewegung der Wunsch nach einem umweltfreundlichen und naturverbundenen Lebensstil einher. Die Lösung sehen durch die platzsparende Bauweise und die Verwendung ökologischer Baumaterialien viele in einem Tiny House.

Vorteile eines Lebens im Tiny House

Die geringe Größe bringt eine Reihe von preislichen, ökologischen und psychologischen Vorteilen mit sich. Denn Tiny Houses sind nicht nur günstiger und flexibler als herkömmliche Häuser: Ihre Besitzer*innen schätzen auch den Umstand, dass sie sich dem kleineren Wohnraum anpassen und sich hier und da auch einmal einschränken müssen.

1. Ein Eigenheim für wenig Geld

Wollte man sich vor ein paar Jahren ein Tiny House in Deutschland bauen, musste man das wohl oder übel selbst tun. Deutsche Tiny-House-Manufakturen gab es praktisch nicht, zu neu war die Bewegung damals. Zudem gab es spezielle rechtliche Vorschriften zu beachten, denn die amerikanischen Richtlinien ließen sich nicht einfach so übernehmen. Man musste sich also durch eine Menge Vorschriften lesen, bevor man überhaupt mit dem Bau beginnen konnte. Das hat wohl viele Unternehmen abgeschreckt oder eben einfach seine Zeit gedauert. 

Mittlerweile gibt es aber eine große Anzahl an Bauunternehmen im deutschsprachigen Raum.

Der Grund für die hohe Nachfrage an Tiny Houses liegt zu einem großen Teil am geringen Preis. Denn zum einen benötigt man für den Bau eines kleinen Hauses natürlich weniger Material. Aber auch das Grundstück kann kleiner – und somit deutlich günstiger – ausfallen. Fertigbausätze bekommt man schon ab rund 5.000 Euro, bezugsfertige Tiny Houses je nach Größe und Ausstattung in der Regel für 15.000 bis 50.000 Euro. Zusätzlich dazu kommt die Pacht oder der Kaufpreis des Grundstücks. Im Vergleich zu einem klassischen Eigenheim ist das eine sehr erschwingliche Variante und für viele Menschen attraktiver, als jahrelang einen Kredit abbezahlen zu müssen.

Ein weiterer Vorteil: Tiny Houses kann man selbst bauen. Wer ein wenig handwerkliches Geschick und Spaß an der Arbeit mit den Händen hat, kann damit zusätzlich Geld sparen und die eigenen Wünsche ganz individuell umsetzen.

2. Ein Haus, das mit umzieht

Wenn man sich für ein Tiny House auf Rädern oder ein Hausboot entscheidet, ist das Eigenheim mobil und kann bei einem Ortswechsel mitgenommen werden. Daher ist diese Wohnform auch für junge Menschen interessant, die am Anfang ihres Berufslebens stehen und noch nicht sicher sind, wohin es sie noch alles verschlägt.

Im Video sieht man, wie ein Tiny House auf Rädern transportiert wird. Dafür muss es ausgeräumt sein oder die Inneneinrichtung zumindest sicher verstaut werden. Anschließend kann es einfach per Auto mit Anhängerkupplung gezogen werden.

3. Ein Haus, das zum Umdenken anregt

Mit dem Einzug in ein Tiny House verändern sich zwangsläufig viele Gewohnheiten. In Europa besitzt die durchschnittliche erwachsene Person rund 10.000 Dinge; dass nur ein Bruchteil davon in ein Tiny House passt, ist einleuchtend. Wer von einer großen Wohnung oder einem großen Haus in ein Tiny House zieht, muss sich daher zunächst intensiv damit auseinandersetzen, wie viel er oder sie eigentlich besitzt und wie all die Dinge auf so kleinem Raum unterzubringen sind. Was nicht regelmäßig genutzt wird, wird aussortiert und über Neuanschaffungen wird intensiver nachgedacht als zuvor. Erzwungener Minimalismus sozusagen. 

Uwe Linke ist Raumpsychologe und Autor und erklärt, warum das für viele Menschen so befreiend ist:

„Psychologisch entsteht von einer Vielzahl von Dingen Erwartungsdruck. Bücher und Unterlagen wollen gelesen werden, Dinge wollen benutzt werden und Tradition will gepflegt werden. Pflegeleichtigkeit ist eines der wichtigsten Stichwörter, die immer wieder als Vorteil genannt werden.”

Tati hat das am eigenen Leib erfahren. „Frust-Shopping“ sei seit dem Leben im Tiny House nicht mehr möglich, sagt sie. Neben dem bewussten Konsum sieht sie den größten Vorteil im Wohnen im Grünen mit eigenem Garten.

Wer sich mit der Tiny-House-Bewegung beschäftigt, kommt außerdem kaum um die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit herum. Selbst, wenn man mit dem Leben im Tiny House nicht das primäre Ziel verfolgt, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu minimieren, kommen viele Menschen hier zum ersten Mal in Kontakt mit der Thematik. Dieses neue Bewusstsein färbt anschließend nicht selten auch auf andere Lebensbereiche ab und veranlasst Bewohner*innen dazu, sich mit der eigenen Müllproduktion oder dem Einkaufen von fairen Produkten zu beschäftigen.

Ein Tiny House (selbst) bauen

Dass die Bewegung so viele Anhänger*innen gefunden hat, liegt zu einem großen Teil daran, dass man Tiny Houses mit etwas handwerklichem Geschick auch selbst bauen kann – zumindest deutlich einfacher als ein herkömmliches Haus. Das bietet die Möglichkeit, es kurzfristig als Notunterkunft zu errichten oder kreativ zu werden und die eigenen Wünsche individuell umzusetzen. Wenn man nicht gerade einen Baukasten verwendet, erfordert es jedoch auch viel Planung. Bei Tati und ihrem Freund hat dieser Prozess eineinhalb Jahre gedauert:

Entscheidet man sich für ein mobiles Tiny House auf Rädern, muss man beim Bau genau auf das oben genannte Gewicht und die Maße achten, damit das Haus am Ende auch eine Zulassung für den Straßenverkehr erhält. Daher setzen viele Tiny-House-Bauunternehmen auf leichtes Material und ein möglichst leichtes Anhängergestell. 

Auch ein Tiny House darf nur auf einem Baugrundstück stehen. Ausnahmen gelten für Tiny Houses auf Campingplätzen. Das Baugrundstück muss, wie bei einem „normalen” Haus, mit einem Anschluss für Strom, Wasser und Abwasser ausgestattet sein. Strom kann man zwar über Solaranlagen selbst produzieren, in Deutschland ist jedoch gesetzlich geregelt, dass jedes Wohnhaus an die Kanalisation angeschlossen werden muss. Die Vorstellung vom völlig autarken Wohnen mitten im Wald ist also leider nicht realisierbar. Laut Tati gebe es allerdings spezielle Facebook-Gruppen, in denen sich Anhänger*innen der Bewegung über Stellplätze oder Grundstücke für Tiny Houses austauschen. Ansonsten werde man auch auf den üblichen Immobilienportalen fündig.

Tatis Tipps: „Viele Fenster einplanen und beim Innenausbau Tetris spielen.”

Dieses „Tetris-Prinzip“, also das Verschachteln und Ineinander-Stapeln von Möbeln, befolgen fast alle Bewohner*innen von Tiny Houses. Man kann wohl behaupten, dass dies eine der baulichen Besonderheiten ausmacht. Aufgrund des Platzmangels entwickeln viele Tiny-House-Besitzer*innen ganz neue Konzepte, um den verfügbaren Platz so effektiv wie möglich zu nutzen. Treppen werden als Einbauschränke genutzt, Sofas zu Betten umfunktioniert und Hochebenen für „abgetrennte” Räume eingerichtet.

Tiny Houses: Geeignet für die breite Masse?

Nicht zuletzt durch die sozialen Medien wird das Leben im Tiny House von vielen Menschen romantisiert. Fotos, auf denen perfekt designte und top aufgeräumte Tiny Houses abgebildet sind, wecken bei vielen den Wunsch, selbst so zu wohnen. Doch solche Fotos entsprechen bekanntlich selten der (ganzen) Wahrheit.

„So mancher, der dem Tiny House von der Grundidee etwas abgewinnen kann, ist von der ständigen Platzoptimierung und den Kompromissen genervt.” (Uwe Linke)

Müsse man ständig Möbel umbauen oder Dinge verräumen, um alltägliche Aufgaben zu erledigen, fördere das ein Gefühl von Einengung, beobachtet Linke. Damit das Leben auf so kleinem Raum auf Dauer funktioniere, müsse es daher Ausweichräume geben. Ein externes Büro, Bars zum Freundetreffen, Bibliotheken zum Arbeiten oder Abschalten. Wem solche Räume nicht zur Verfügung stehen, dem falle irgendwann die Decke auf den Kopf. 

Auch Tati ist der Ansicht, dass es mehr Gemeinschaftsräume geben sollte. Sie beobachtet bei sich selbst, wie wichtig der Garten als Ausweichraum für sie ist:

Hinzu kommt, dass ein Tiny House nur so lange schön aussieht, wie es ordentlich ist. Steht auf so kleinem Raum zu viel herum, fällt das optisch stärker ins Gewicht als bei großen Räumen und es entsteht schneller ein Gefühl der inneren Unruhe. Daher brauche es laut Linke viel Disziplin, Ordnung zu halten, um langfristig in einem Tiny House glücklich zu sein. Zudem bräuchten Tiny-House-Bewohner*innen ein hohes Maß an innerer Zufriedenheit, da sonst die Verlockung zu groß sei, das eigene Glück im Konsum zu finden, so Linke.

Laut einer repräsentativen Befragung des Markt- und Medienforschungsunternehmen YouGov kann sich rund ein Drittel der befragten Personen vorstellen, in einem Tiny House zu wohnen:

Familien, die mit Kindern in Tiny Houses leben, sieht man (zumindest in Deutschland) kaum auf Instagram. Sind Tiny Houses also nur etwas für Singles oder Paare? Es gibt viele Modelle, in denen zwei Hochebenen integriert sind, sodass die Unterbringung eines zweiten Bettes in der Regel möglich ist. Das Problem hierbei ist, dass Räume oft nicht abgetrennt werden können, sodass es in den „klassischen” Tiny Houses für Kinder und Eltern keine wirklichen Rückzugsorte gibt. Das Familienleben im Tiny House hält Tati aber allgemein für realisierbar, solange man sich nicht zu sehr auf eine bestimmte Quadratmeterzahl festlegt. Viel wichtiger sei, das Konzept auf die Bedürfnisse anzupassen und den wahren Grundgedanken à la „Wieviel Platz brauche ich wirklich?” nicht aus den Augen zu verlieren.

Vorteile

  • Eigenheim für wenig Geld
  • kurze Bauzeit
  • „einfaches“ Selberbauen
  • effektive Raumnutzung
  • umweltfreundlicher (im Vergleich zu einem herkömmlichen Haus)
  • fördert bewussteren Konsum

Nachteile

  • Kompromisse und häufiges Umbauen
  • wirkt schnell unruhig
  • auf Ausweichräume angewiesen
  • wenig Privatsphäre (als Familie)
  • Voraussetzung: innere Zufriedenheit

Alternativen zu Tiny Houses

Wenn man sich auf die Grundidee der Bewegung besinnt, wird schnell klar: Es geht weniger um die Architektur oder darum, wie ein Tiny House laut Social Media auszusehen hat. Im Kern ist das Ziel der Bewegung, dass Menschen ihr Wohnverhalten hinterfragen. Daher lassen sich die Ideen des Tiny-House-Movements mit vielen anderen Ansätzen des Minimalismus, der Stadtentwicklung und anderen Gebieten kombinieren. So lassen sich ähnliche Ziele laut Tati auch mit kleineren, besser konzipierten Wohnungen durch mehr Grünflächen in den Städten und durch mehr Gemeinschaftsräume realisieren. 

Ihr Fazit: 

Quellen und Bildrechte

Text-Quellen:

Fertighauswelt (19.01.2021): https://www.fertighauswelt.de/hausbau/baulexikon/flaeche.html

Statista (19.01.2021): https://www.google.com/url?q=https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36495/umfrage/wohnflaeche-je-einwohner-in-deutschland-von-1989-bis-2004/&sa=D&ust=1610457651551000&usg=AOvVaw29k26pfpmv5B2GjbMgIQgP

Wohnglück (19.01.2021): https://wohnglueck.de/artikel/tiny-house-umfrage-deutschland-16666

Jamestown (19.01.2021): https://www.google.com/url?q=https://www.jamestown.de/news/minimalistisches-leben-amerikas-neuer-leicht-sinn&sa=D&ust=1610457651550000&usg=AOvVaw1igPluVQZ9BmP5Sq2j8yUs

Hannoversche Allgemeine (19.01.2021): https://www.google.com/url?q=https://www.haz.de/Sonntag/Top-Thema/Generation-genuegsam-Minimalismus-als-Lebensentwurf2%23:~:text%3DRund%252010%2520000%2520Gegenst%25C3%25A4nde%2520besitzt,Bibliothek%2520sind%2520es%2520deutlich%2520mehr&sa=D&ust=1610457651549000&usg=AOvVaw0S5GNmyc9aNUGdzuMmFMoU

Wohnglück (19.01.2021): https://www.google.com/url?q=https://wohnglueck.de/artikel/autark-tiny-house-7243&sa=D&ust=1610457651552000&usg=AOvVaw3eWdDrL-abB6SHDRh098zI

Bilder und Videos:

Titelbild: Photo by Clay Banks on Unsplash

Tiny House auf Fundament: Photo by Aysegul Yahsi on Unsplash

Hausboot aus SchiffscontainernPhoto by Nick Karvounis on Unsplash

Baumhaus auf Stelzen: Photo by Roberto Nickson on Unsplash

Ein Tiny House wird transportiert: Tiny House Basics (08.11.2018): Elegant Tiny House on Wheels Built for Full Time Living, YouTube

Ein Tiny House mit zwei Ebenen: @littlebyronco (24.11.2020), Vote for Banjo, Instagram

Stauraum in der Treppe: @tinyhomiez (06.04.2020), Pull out pantry, Instagram, curated by @unitedtinyhouse (16.06.2020), Wow! Love the staircase with ton of storages!, Instagram

Diese Beiträge könnten dich interessieren: