Kunst und Kultur in Gefängnissen

Projekte zur Resozialisierung

Um einem Rückfall in die Straffälligkeit vorzubeugen, bieten mittlerweile einige Gefängnisse verschiedene Arten von künstlerischen und kulturellen Maßnahmen an, die die Resozialisierung der Inhaftierten fördern sollen. Sei es durch Projekte, an denen die Insassen selbst teilnehmen oder Unterhaltung von außen. Im Folgenden stellen wir euch vier dieser Projekte vor.

Diana Ezerex: Konzerte hinter Gittern

Im Jahr 2017 gab Diana das erste Konzert hinter Gittern. Das war nicht nur der Start zahlreicher Auftritte, mit denen sie noch immer genau die Menschen berührt, denen diese Art von Unterhaltung für gewöhnlich verweigert bleibt – Es war auch der Auslöser vieler anderer Projekte, mit denen Diana Ezerex genau die Menschen in den Vordergrund rücken möchte, die sonst eher im Hintergrund verschwinden.

Diana möchte mit ihrer Musik diejenigen erreichen, so sagt sie selbst, die sonst weniger erreicht werden – Menschen, mit denen die meisten von uns keine Berührungspunkte haben. Das war nur einer der Gründe, weswegen sie 2017 begann, Konzerte in Gefängnissen zu geben. Denn was sie ebenfalls daran reizt, ist sie Tatsache, dass die wenigsten Menschen von sich behaupten können, hinter Gittern aufzutreten. Ihr Ziel: In jedem Gefängnis in Deutschland aufzutreten.

Doch auch abseits der eigenen Musik findet Diana, dass Kunst und Kultur eine wichtige Rolle bei der Resozialisierung von Inhaftierten spielen. Als Möglichkeit, wichtige Werte zu vermitteln und Inhaftierten eine Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken, sieht Diana in der Kunst eine wertvolle Form der Freiheit.

Der Wunsch, diese Menschen zu erreichen und gleichzeitig die eigene Kreativität auszuleben, spornen Diana immer wieder dazu an, neue Projekte zu starten. So möchte sie die Themen, mit denen sie im Gefängnis konfrontiert wurde, auf ihrem kommenden Album musikalisch verarbeiten. Ebenfalls folgen sollen Musikvideos und ein Buch, das sich den Geschichten widmet, die Menschen hinter Gittern zu erzählen haben. Auch für Jugendliche möchte sich die ehemalige Studentin der Bildungswissenschaften einsetzen. Dafür plant sie spezielle Workshops, die Themen wie Bildungsungleichheit und Chancenungleichheit der Jüngeren unter uns aufgreifen

„Ich glaube, durch Kunst und Kultur kann man ganz toll Werte vermitteln und auch Wert geben. Dadurch, dass man dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten und sich auszudrücken, auf eine Art und Weise die nicht verurteilt wird, wo es nicht richtig und falsch gibt.“ - Diana Ezerex

Durch Konzerte trägt Diana Ezerex ihren Teil zur Resozialisierung von Inhaftieren bei – wie es überhaupt dazu kam, an welchen weiteren Projekten sie arbeitet und wie man sie unterstützen kann, hat sie uns im Interview erklärt.

Die Geschichten, die Diana im Rahmen ihrer Konzerte in Gefängnissen gehört hat, haben sie dazu inspiriert, diesen Themen ein komplettes Album zu widmen. Im Folgenden Video erläutert sie die Entstehungsgeschichte von „I don’t stop“ – dem letzten Song auf ihrem Album. Den kompletten Song gibt es auf ihrem YouTube Kanal.

Kunst im Gefängnis

Die JVA Zeithain in Sachsen hat es sich zum Ziel gesetzt, künstlerische Maßnahmen fest in den Alltag des Justizvollzuges zu integrieren. Dabei sind bereits faszinierende Projekte entstanden – von Theateraufführungen über die Entstehung ganzer Bands bis zur Kreation liebevoller Gemälde, können Inhaftierte ihre kreative Seite zum Ausdruck bringen.  

 

Denken wir an Gefängnisse, haben die meisten von uns vermutlich das gleiche Bild vor Augen: Graue Wände, in denen Inhaftierte täglich den gleichen monotonen Alltag durchleben. Spielraum, um die eigene Kreativität auszuleben, bleibt dort kaum. Dass unsere Vorstellungen jedoch nicht immer der Wahrheit entsprechen, zeigt die JVA Zeithain.

Wer sich in der JVA Zeithain künstlerisch betätigen möchte, dem werden keine Steine in den Weg gelegt. Vier Kunsttherapeuten leiten das dortige Kreativzentrum, in dem Inhaftierte nicht nur an Malprojekten teilnehmen können, sondern auch Erfahrung in Film und Fotografie, Theater oder Handarbeit sammeln können – um nur einige der vielfältigen Möglichkeiten zu nennen. Dahinter steht der Verein Kunst im Gefängnis, der seinen Teil zur Förderung von Kunstprojekten im sächsischen Vollzug beiträgt. Hier steht authentische Arbeit und der Weg zurück zum Glauben an die eigene Person im Vordergrund.

 

"Kunst ermöglicht es, den Inhaftierten nicht als Gefangenen, sondern als Menschen wahrzunehmen." - Website der JVA Zeithain

„Der kreativste Knast Deutschlands“ – So beschreibt Alfred Haberkorn, Leiter des Kreativtszentrums der JVA Zeithain, eben dieses Gefängnis. Die JVA Zeithain sei wie jedes andere Gefängnis, doch hier liege der Schwerpunkt auf der Kunsttherapie. Das folgende Video zeigt nicht nur, welche Projekte diese Art von Therapie umfasst und warum diese so wichtig für Inhaftierte sind, sondern gibt gleichzeitig einen Einblick in die bisher entstandenen Projekte.

Im Kreativzentrum der JVA Zeithain sind bereits vielzählige Werke entstanden, die auf der Internetpräsenz des Vereins Kunst im Gefängnis veröffentlicht werden. So können sich auch Außenstehende einen Eindruck vom Kreativzentrum machen. Im Folgenden zu sehen sind Bilder und Videos, die im Kreativzentrum entstanden sind.

Und was sagen die Inhaftierten?

Die Leiter des Kreativzentrums sind überzeugt davon, dass die Inhaftierten in vielerlei Hinsicht von der künstlerischen Teilhabe profitieren. Uns war es dabei wichtig, auch die Meinung derjenigen zu hören, an die sich die Projekte letztendlich richten: Die Inhaftierten selbst. Michael (Name geändert) hat uns seine Meinung mitgeteilt und uns folgende Fragen beantwortet.

Für wie wichtig halten Sie die künstlerischen Angebote (Malerei, Musik, Theater etc.) in der JVA?

Diese Art von Angeboten halte ich für sehr wichtig im Vollzug. Einerseits hilft es dem Gefangenen, geistig nicht vollkommen abzustumpfen, andererseits durchbricht ein solches Angebot die Monotonie des Alltags im Vollzug und ist somit ein guter Ausgleich zu einem doch tristen Alltag hinter Gittern.

Falls Sie es für wichtig halten – warum spielen Kunst und Kultur eine so wichtige Rolle dort? Inwiefern profitieren Sie davon?

Die Teilnahme an solchen Projekten ermöglicht einem Gefangenen, der Außenwelt zu zeigen, dass es sich eben nicht nur um einen kriminellen Straftäter handelt, sondern um einen Menschen, der zu erstaunlich positiven Dingen fähig ist.

Erleichtert Ihnen die Teilnahme an den angebotenen künstlerischen Projekten den Alltag in der JVA?

Mir erleichtert die Teilnahme an solchen Projekten sehr den Alltag, weil es mir Raum gibt, mich neu gedanklich zu sortieren. Zudem macht ein solches Projekt einfach Spaß und es hilft ein neues Talent zu entdecken oder alte Talente zu verbessern.

Glauben Sie, es würde einen großen Unterschied machen, wenn die Projekte wegfallen würden?

Für Menschen wie mich schon. Allerdings pflegt nicht jeder diese Einstellung und vielen wäre es wohl schlicht und einfach egal.

Spielt Talent eine wichtige Rolle bei der Teilnahme an diesen künstlerischen Aktivitäten?

Talent kann durchaus hilfreich sein, aber wichtig ist es keinesfalls. Solange man Spaß an der Sache hat und mit Herzblut dabei ist, reicht das schon, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Was ist bei der Teilnahme an den Kunstprojekten die größte Herausforderung für Sie?

Für mich ist es die größte Herausforderung, mich mit den verschiedenen Charakteren auseinander zu setzen, die nicht so konsequent bei der Sache sind wie ich selbst.

Denken Sie, Sie werden sich nach Ihrer Zeit in der JVA weiterhin künstlerisch betätigen?

Da ich mich auch schon vor meiner Haft kreativ und künstlerisch betätigt habe, wird dies auch nach meiner Haft wieder der Fall sein.

Knastkultur

„Knastkultur“ heißt das Onlineportal des Justizministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen. Hier können sich Außenstehende einen Eindruck verschaffen, welche kulturellen Angebote es im Strafvollzug gibt. Theater-, Musik-, Kunst- und Literaturprojekte werden vorgestellt und es gibt Informationen zu Veranstaltungen und den Besuchsmöglichkeiten.

Das Projekt gibt es seit 2010 und es wurde von dem Ministerium der Justiz Nordrhein-Westfalen und einem Projektteilnehmer aus Niedersachsen ins Rollen gebracht. Inzwischen haben sich noch fünf weitere Bundesländer dem Projekt angeschlossen. Der Hintergrund dieser Idee war, dass Inhaftierten und Veranstaltern von Kunst-/Kulturprojekten in Gefängnissen eine Plattform geboten werden sollte, die auf die Resultate „hinter Mauern“ aufmerksam macht und ermöglicht, dass über die Projekte berichtet wird.  

Knastkultur ermöglicht z.B. der JVA Schwerte, dass Tickets für eine jährliche Theateraufführung beworben werden. Innerhalb von 6 Veranstaltungen im Jahr bekommen 500-600 Menschen die Chance sich von dem künstlerischen Ergebnis begeistern zu lassen.

"Die Wertschätzung der Gesellschaft, die vorher nie da war, wird durch Kunst- und Kulturarbeit erreicht." - Thomas Cieszynski

Thomas Cieszynski ist der stellvertretende Projektleiter von Knastkultur. Er arbeitet in der Justizvollzugsanstalt Schwerte und kümmert sich um das Onlineportal „Knastkultur“, damit sowohl die Inhaftierten, die an Kunst-/Kulturprojekten teilgenommen haben, als auch die Veranstalter dieser Projekte die Wertschätzung erhalten können, die sie verdienen. 

Gitarrenunterricht im Gefängnis

Markus Galonska ist katholischer Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten Braunschweig und Wolfenbüttel. Weil er selbst eine große Leidenschaft für Musik hat, bietet er in der JVA Wolfenbüttel einen Gitarrenkurs an. 

Neben seiner Hauptaufgabe als Ansprechpartner für alles Religiöse, hat Markus als Seelsorger die Möglichkeit, Gruppen anzubieten. Er entschied sich unter anderem für einen Gitarrenkurs. An welchen Gruppenangeboten die Gefangenen teilnehmen, entscheiden sie selbst. Auf den Gitarrenkurs gab es am Anfang einen regelrechten Ansturm. Laut Markus haben die Gefangenen ein großes Interesse daran, ihre Zeit zu nutzen und neue Dinge zu lernen. Im Gitarrenkurs haben sie die Möglichkeit dazu, aber sie haben auch die Möglichkeit, ein neues Hobby zu entdecken oder ein altes wieder aufzunehmen. Das bietet ihnen Abwechslung in Ihrem Alltag. „Gerade in diesen beiden Gefängnissen, das sind ja sehr alte Gebäude, gibt es sonst wenig buntes.“ Sagt Markus. In Zukunft überlegt er, zusätzlich zu dem Gitarrenkurs auch ein Zeichenangebot zu veranstalten.

Musik kann für die Gefangenen eine Möglichkeit sein, sich und ihre Gefühle auszudrücken. Markus berichtet von Gefangenen, die ihm Texte gegeben haben und ihn gebeten haben, daraus ein Lied zu machen. Während seiner Zeit in der JVA Rostock konnte er mit Gefangenen schon eigene Texte musikalisch umsetzen. Dabei konnten sie dann ihre ganz eigenen Themen einbringen.

Für ihn ist in der Arbeit mit den Gefangen ein respektvoller und ehrlicher Umgang wichtig. Die Gefangenen brauchen Jemanden, der nicht die Straftat in ihnen sieht, sondern die Menschen die sie jetzt gerade sind.  Wenn sie sich ernstgenommen fühlen, wirkt das nachhaltig. Selbst wenn Projekte wie diese keinen Meilenstein in der Resozialisierung der Gefangenen darstellen, glaubt Markus, dass jeder Moment im hier und jetzt ein kleines Mosaiksteinchen für das Leben insgesamt wird.

"die sollen in irgendeiner Form an sich arbeiten und merken: Wer bin ich? und wer will ich sein? Und das müssen sie mit Menschen machen, die ihnen wohlwollend gegenüber treten" - Markus Galoska

Wie Musik Menschen hilft sich zu öffnen und warum auch kleine Erlebnisse einen nachhaltigen Einfluss haben, erfahrt ihr in diesem Video.

Quellen und Nutzungsrechte

Titelbild: Image by stokpic from Pixabay

Bildergalerie Kunst im Gefängnis: http://kunstimgefaengnis.de/, Abrufdatum 15.01.2021

Bildergalerie Diana: Diana Ezerex

Diana Ezerex: Konzerte hinter Gittern: Interview mit Diana

Kunst im Gefängnis: Interview mit Alfred Haberkorn

Knastkultur: Interview mit Thomas Cieszynski

Gitarrenunterricht im Gefängnis: Interview mit Markus Galonska

Interview Diana: YouTube, annas cosy_corner, https://youtu.be/qQNO3IpgD4M

Interview Songanalyse: YouTube, Nina Ka, https://www.youtube.com/watch?v=7Zw9uK__9Y8&feature=youtu.be 15.01.2021

Interview mit Alfred Haberkorn: YouTube, Nina Ka,  https://www.youtube.com/watch?v=tbYoAHPfSiU&feature=youtu.be, 02.01.2021

Die kleine Ente die nicht einschlafen konnte: kunstimgefaengnis, https://www.youtube.com/watch?v=tTAt4pE5Bvg, Abrufdatum 15.01.2021

Jackson 7: kunstimgefaengnis, https://www.youtube.com/watch?v=uPP4qQshqow, Abrufdatum 10.01.2021

Interview mit Thomas Cieszynski: YouTube, Yoma Arnz, https://youtu.be/4bLrzRT0ZDU, 19.01.2021

Interview Markus Galonska: YouTube, annas cosy_corner, https://youtu.be/9IbVehkJzXk

Interview Markus Galonska: Creative Commons Music by Jason shaw on audionautix.com
Song: Folk Bed

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