Bewegungen gegen Kommerz im Fußball

Wettbewerbsverzerrung im Fußball

Welche Chancen haben Organisationen gegen die Kommerzialisierung?

 

Der Fußball verändert sich. Das war schon immer so und muss nicht schlecht sein. Seit einigen Jahren gibt es aber Entwicklungen, die viele Fans kritisch sehen. Es ist immer mehr Geld im Umlauf und in der Bundesliga wird seit acht Jahren dieselbe Mannschaft Meister. Gibt es eine Chance, die Kommerzialisierung im Fußball zu stoppen? Organisationen wie der „FC PlayFair!“ versuchen es zumindest.

Podcast: Zusammenschlüsse gegen den Kommerz

Für einen fairen und spannenden Profifußball brauchen alle Vereine die gleichen Voraussetzungen. Tatsächlich sind einige Klubs dem Rest aber weit voraus. Woran liegt das? Und lässt sich das ändern? In unserem Podcast möchten wir über die Veränderung des Fußballs und die damit verbundenen Gegenbewegungen aufklären. Wir betrachten das Thema aus unserer Fan-Sicht, wir sehen die Kommerzialisierung also überwiegend kritisch. Für unseren Podcast haben wir uns nun aber genauer mit den Entwicklungen befasst und versuchen, das Thema ausgewogen zu behandeln. Wir lassen Experten zu Wort kommen, versuchen Aspekte selbst einzuordnen und besprechen dabei auch aktuelle Geschehnisse. Unsere Experten sind Jörn Kleinschmidt, der 1. Vorsitzende des „FC PlayFair! – Verein für Integrität und Nachhaltigkeit im Fußball e.V.“ sowie Sportmarketingexperte Dr. Peter Rohlmann.

Auswirkungen der Kommerzialisierung auf Vereine und Fans

Im Podcast klären wir zunächst den Begriff der „Kommerzialisierung“. Danach geht es um die Auswirkungen auf Vereine im modernen Fußball, zum Beispiel um Wettbewerbsverzerrung und die fragwürdige Herkunft vieler Sponsorengelder. Außerdem behandeln wir die Folgen der Kommerzialisierung für die Fußballfans. Diese sehen die Entwicklungen im modernen Fußball überwiegend kritisch. Bei einer Online-Umfrage der App „FanQ“ im Oktober 2020 bewerteten fast 86 Prozent der Befragten die aktuellen Gehälter und Transfersummen als „völlig überzogen“ oder „überzogen“.1 Ähnlich viele gaben an, dass sie den finanziellen Abstand zwischen kleinen und großen Vereinen für viel zu groß halten. Allerdings geht nur etwas mehr als jede*r vierte Befragte fest davon aus, sich durch die Entwicklungen tatsächlich irgendwann vom Profifußball abzuwenden. Zwei Drittel fordern aber dennoch Reformen im Profifußball.

Die Entwicklungen im deutschen Fußball

Ablösesummen in Millionenhöhe

Um die von Fans kritisierten Veränderungen im Profifußball deutlich zu machen, lohnt es sich, die Entwicklungen der Ablösesummen und Fernsehgelder in den vergangenen Jahren zu betrachten. Dadurch wird klar, wie sehr sich der Fußball verändert hat. Die Ablösesummen für Fußballprofis sind in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Nach Angaben von Transfermarkt.de und Statista betrug die höchste für einen Spieler gezahlte Transfersumme im Jahr 1988 noch 8,7 Millionen Euro.2 Im Jahr 2000 wurde erstmals die Marke von 50 Millionen Euro für einen Spieler übertroffen. Danach stabilisierten sich die Ablösesummen ungefähr auf diesem Niveau. 2013 wurde dann beim Transfer von Gareth Bale zu Real Madrid mit 101 Millionen Euro zum ersten Mal mehr als 100 Millionen für einen Spieler bezahlt. Der nächste 100 Millionen-Transfer folgte schon 2016, und 2017 bezahlte Paris Saint-Germain die Rekordsumme von 222 Millionen Euro für Neymar.

Das Geschäftsfeld der Spielerberater*innen

Der Markt der Spielerberater*innen ist ebenfalls ein großes Geschäftsfeld, mit über 1300 Lizenzierten ist Deutschland laut Transfermarkt.de das Land mit den meisten Berater*innen in Europa.3 Zum Vergleich: 1992 gab es weniger als 30 Spielervermittler*innen in Deutschland.4 Die Vereine geben auch immer mehr für die Beratung aus: In der Saison 2018/2019 zahlten die Vereine der 1. Bundesliga 204 Millionen Euro an Spielerberater*innen.5 In der Saison zuvor lag der Wert noch bei 198 Millionen.6

Steigende TV-Einnahmen

In der Saison 1987/1988 waren die Spiele der Profiklubs in Deutschland das letzte Mal ausschließlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen, in dieser Saison zahlten die Sender 9,2 Millionen Euro an die Vereine.7 Mit dem Einstieg des Privatfernsehens stiegen die Fernsehgelder stark an, in der Saison 2001/2001 waren es 355 Millionen Euro. In den Jahren darauf sanken die Einnahmen für die Vereine etwas, weil mit der Kirch-Gruppe ein wichtiger Medienkonzern Insolvenz anmelden musste. Insgesamt setzte sich der Trend der höheren TV-Einnahmen aber fort. In den Saisons 2013/14 bis 2016/17 erhielt die Deutsche Fußball Liga (DFL), die seit dem Jahr 2001 die 1. und 2. Bundesliga vermarktet, 628 Millionen Euro pro Jahr. Seit der Spielzeit 2017/18 werden jedes Jahr sogar 1,16 Milliarden Euro über die DFL an die Klubs ausgeschüttet, also fast das Doppelte der vorherigen Einnahmen.

Die Verteilung der TV-Gelder

Ist also das Geld an sich ein Problem für einen fairen Wettbewerb? Nein, sagt Jörn Kleinschmidt, es komme auf die Herkunft und auf die Verteilung des Geldes an. Momentan werden die TV-Gelder aus der nationalen Vermarktung anhand von vier Säulen an die Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga verteilt.8 Die vier Säulen sind „Bestand“, „Sportliche Nachhaltigkeit“, „Nachwuchs“ und „Wettbewerb“. Die Säulen eins und vier bestimmen zusammengenommen 93 Prozent der Verteilung des Geldes. Dabei ist die Fünfjahreswertung der Vereine entscheidend, das heißt: Ein Verein, der in den vergangenen fünf Jahren sehr erfolgreich war (zum Beispiel Bayern München), bekommt deutlich mehr Geld als ein Aufsteiger, der zuvor länger nicht in der 1. Bundesliga gespielt hat (zum Beispiel Arminia Bielefeld, siehe Grafik unten). Andere Faktoren fallen kaum ins Gewicht: Über die Säule drei („Nachwuchs“) werden nur zwei Prozent der Fernsehgelder an die Mannschaften verteilt. Diese Säule richtet sich nach den Einsatzminuten von Nachwuchsspielern in den Vereinen. Das sportliche Abschneiden der Klubs in den letzten 20 Jahren bestimmt ebenfalls nur die Verteilung von fünf Prozent der Einnahmen. Dies ist die Säule „Sportliche Nachhaltigkeit“.

Bewegungen, Lösungsansätze und Ausblick

Von der einstigen Fan-Nähe ist nicht mehr viel zu sehen, der Wettbewerb verliert seinen Reiz. Die Veränderung des Fußballs wurde für viele zur Selbstverständlichkeit – doch wo ist die Grenze? In den letzten Jahren haben sich immer mehr Fußball-Begeisterte in Fan-Bündnissen und Initiativen zusammengeschlossen, um etwas zu unternehmen. Um eine Stimme zu bekommen, die bei Fragen zu sportpolitischen und auch gesellschaftlichen Themen gehört wird. Im Grunde herrscht bei den Forderungen dieser Zusammenschlüsse ein grundsätzlicher Konsens. Wofür diese Initiativen jedoch genau stehen, werden wir im Folgenden anhand von drei Beispielen beleuchten.

  • FC PlayFair!

    Als „Verein für Integrität und Nachhaltigkeit im Fußball“ möchte der „FC PlayFair!“ die gesellschaftliche, integrative und soziale Kraft des Sports fördern. Mit Hilfe von bekannten Persönlichkeiten wie Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) oder Claus Vogt (Präsident des VfB Stuttgart) will der Verein Fans, Vereine, Funktionäre und Verbände an einen Tisch zusammenbringen. Mit mindestens einem/einer Fanvertreter*in im obersten Kontrollgremium eines jeden deutschen Profiklubs sollen die Interessen der Fans respektiert werden. Außerdem soll der deutsche Fußball, trotz einer finanziell konkurrenzfähigen Bundesliga, zu engeren Ergebnissen und einer weniger vorhersehbaren Tabelle zurück. Der Vorsitzende Jörn Kleinschmidt sagt, der Verein habe „in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit zu diesen Themen eine bestimmte Awareness geschaffen“. Andere Organisationen würden Konzepte des „FC PlayFair!“ mittlerweile aufgreifen und ebenfalls in die Diskussion einbringen.

  • Unsere Kurve

    Der eingetragenen Verein wird durch eine rund sechsstellige Anzahl von aktiven Fans repräsentiert, die in 21 Fanorganisationen unter dem Dach von „Unsere Kurve“ vereinigt sind. Auf verschiedenen Ebenen soll eine positive Fankultur erhalten und das Mitbestimmungsrecht von Fans und Vereinsmitgliedern gestärkt werden. Mit der Teilnahme am institutionalisierten Dialog mit den Verbänden möchte man den Fußball als Kulturgut sichern. Der zentrale Antrieb der Initiative ist das fanorientierte Handeln.

  • Unser Fußball

    „Unser Fußball“ ist ein bundesweiter Zusammenschluss aus engagierten Fußballfans und Vereinsmitgliedern, der während der Coronakrise gegründet wurde. Auch dieses Bündnis möchte eine Veränderung, einen neuen Fußball. „Basisnah, nachhaltig und zeitgemäß“ heißt es auf der Website. Mit inzwischen über 2600 Fanklubs bzw. Gruppen und ca. 14000 Einzelpersonen fordert man faire Rahmenbedingungen für einen attraktiven Wettbewerb, der z. B. durch eine Umverteilung von TV-Geldern geschaffen werden soll. Ein demokratisches und zudem nachhaltiges Konzept steht im Vordergrund, wobei die Fans stets respektiert werden müssen.

Wir besprechen in unserem Podcast, wie die Initiativen, konkret der „FC PlayFair!“, Aufmerksamkeit für die negativen Aspekte der Kommerzialisierung schaffen und wie sich die Lösungsansätze im Detail gestalten. Darüber hinaus möchten wir herausfinden, was ein einzelner Fan tun kann, um den Fußball sinnvoll zu gestalten. Es kommt auch die Frage auf, ob sich die Bundesliga etwas aus dem amerikanischen Profisport abschauen könnte. Schließlich wagen wir einen Ausblick: Wie wird der Fußball in Zukunft aussehen?

Timecodes:

00:25 – Begrüßung und Vorstellung der Experten
05:52 – Was ist Kommerzialisierung im Bezug auf Profifußball?
09:51 – Auswirkung auf den Wettbewerb und Vereine
13:27 – Auswirkung auf die Fans
27:35 – Die Gegenbewegungen
38:29 – Lösungsansätze
54:09 – Ausblick in die Zukunft

Hier geht es zu unseren Experten:

Jörn Kleinschmidt
Dr. Peter Rohlmann

„Usain Bolt bekommt auch nicht fünf Meter Vorsprung,
weil er der letzte Olympiasieger war.“ - Jörn kleinschmidt, fc PlayFair!

Inhalte zur Sendung:

In unserem Gespräch geht es auch darum, ob Fans sich noch mit den Vereinen identifizieren können. Die Aussagen von Sandro Wagner könnten dazu beitragen, dass der Profifußball als “abgehoben” wahrgenommen wird.

Interview mit Sandro Wagner: Profis verdienen zu wenig

Des Weiteren besprechen wir, ob Konzepte der amerikanischen Sportligen auch in Deutschland sinnvoll wären. Wir stellen fest, dass es Duelle wie Holstein Kiel gegen Bayern München nur gibt, wenn – anders als in den USA – in mehreren Ligen gespielt wird.

Quellen und Bildrechte

Header by Valentin B. Kremer on Unsplash (05.02.21)

Podcast-Thumbnail: https://unsplash.com/photos/jA7YI8Lpobg

1 Zahlen im gesamten Absatz: FanQ – Eine Studie aus Perspektive der Bundesliga-Fans (05.02.21)

2 Zahlen im gesamten Absatz: Statista – Der Transfer-Wahnsinn (05.02.21)

3 transfermarkt.de – Spielerberater (05.02.21)

4 sz.de – Die Spielerberater sind in Aufruhr (05.02.21)

5 DFL – Finanzkennzahlen Saison 18/19 (05.02.21)

6 DFL – Finanzkennzahlen Saison 17/18 (05.02.21)

7 Zahlen im gesamten Absatz: bpb – Kommerzialisierung des Sports (05.02.21)

8 Zahlen im gesamten Absatz: kicker.de – So werden die TV-Gelder aktuell verteilt (05.02.21)

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