Über die Klimaberichterstattung in deutschen Medien

Die Klimakrise zur Primetime

Zu weit weg, zu kompliziert und bestimmt nur halb so wild. Viele unterschätzen die Folgen des Klimawandels oder ignorieren das Thema. Angemessen aufklären können die Medien. In der Pflicht seien vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, finden viele – und stellen klare Forderungen.

Jeden Abend um kurz vor 20 Uhr sitzen 2,5 Millionen Menschen Zuhause vor dem Fernseher, schauen das Erste und warten auf die Tagesschau. Zu diesem Zeitpunkt läuft eine Sendung, in der es um den Aktienkurs geht: „Börse vor acht“.

„Aber nur jeder sechste Deutsche besitzt Aktien – die Klimakrise geht uns alle an. Wieso hat ein Format, was sich an so wenige richtet, einen so prominenten Sendeplatz und das Klima kommt nur am Rande vor?“, fragt Norman Schumann, der Mitinitiator des Projekts „Klima vor acht“, in einem Interview mit der taz. (1)

„Klima vor acht“ ist eine Initiative, die Klimaaktivisten und andere Ehrenamtliche ins Leben gerufen haben. Sie sehen dringenden Bedarf an fundierter Klimaberichterstattung. Diese solle einen prominenten Sendeplatz einnehmen – ähnlich wie „Börse vor acht“ vor den täglichen Nachrichten. Denn wenn es um den Klimawandel geht, fällt ein Paradox auf. Seine Existenz ist vielen Menschen zwar bewusst und wird gefürchtet. Aber gleichzeitig finden sie, dass der Klimawandel als zu bedrohlich dargestellt wird und sehen ihn als übertrieben an.  Die Massenmedien können helfen, dieses Paradox aufzulösen.

Zudem können sie sich auf diese Weise Fake News entgegenstellen. Der Klimawandel ist regelmäßig Gegenstand in Verschwörungstheorien. Klimaleugner stellen wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage und spielen die Klimarisiken herunter. Doch fundierte Berichterstattung in glaubwürdigen Medien ist in der Lage, die wissenschaftlichen Erkenntnisse für ein Massenpublikum verständlich aufzubereiten und es so für die Dringlichkeit der Thematik zu sensibilisieren, so wie es etwa die Faktenprüfer von Klimafakten.de immer wieder vormachen.

Die drei größten Klimamythen

Es kursieren viele Mythen und Unwahrheiten über den Klimawandel, welche meist von Klimaleugnern verbreitet werden. Mache hier den Selbsttest und lasse dich aufklären.

„Klima vor acht“ statt „Wissen vor acht“

„Klima vor acht“ hat zahlreiche Unterstützer gefunden. Bei einer Petition kamen über 27.500 Unterschriften zusammen. Auch die weltweite Bewegung Fridays for Future (FFF) fordert auf, sich der Petition anzuschließen und auf die Idee aufmerksam zu machen. „Die Frage ist: Worauf warten die Medien also noch? Lasst uns genau diese Frage gemeinsam laut und klar stellen und von der ARD eine Sendung #Klimavor8 einfordern“, heißt es auf der Webseite von FFF. (2)

Die Aufrufe hatten Erfolg. Eine Funding-Kampagne brachte über 46.000 Euro an Spendengeldern, die die Produktion der ersten Staffel finanzieren sollen. (3) Die sechs Folgen mit einer Länge von drei bis fünf Minuten in Sendequalität haben vor allem ein Ziel: der ARD zeigen, wie angemessene Berichterstattung über den Klimawandel aussehen kann. „Über die Aspekte der Klimakrise, wie sie uns heute betreffen und in Zukunft betreffen werden, muss regelmäßig berichtet werden“, findet Friederike Mayer, Pressesprecherin und Mitinitiatorin von „Klima vor acht“. (4)

Was die ARD dazu sagt

Agnes Toellner ist der Meinung, die ARD berichte bereits ausreichend über den Klimawandel. (5) Beispielhaft nennt die Pressesprecherin die Sendung „Wissen vor acht“. Das Format läuft wöchentlich vor „Börse vor acht“ und ist in vier Rubriken aufgeteilt. Der Fokus liegt hier auf verständlich aufbereiteten Fakten rund um die Themen Zukunft, Werkstatt, Mensch und Natur. Klimathemen finden in der Rubrik Natur statt – jedoch nur sehr sporadisch. Ohnehin läuft die Rubrik neben den anderen dreien nur einmal wöchentlich. Zudem geht es meist um bestimmte Tierarten.

„Dort geht es um unsere Umwelt, Pflanzen und Tiere – und wie wir diese schützen“, sagt Toellner. Eine hohe Reichweite für „Wissen vor acht“ garantiere vor allem die Popularität des Formats. Zudem betont sie, der Klimawandel sei weiterhin Bestandteil der Tagesschau. Toellners Stellungnahme deutet damit nicht daraufhin, dass die ARD die Dauer und Intensität ihrer Klimaberichterstattung absehbar ändern wird.

Ist das genug? „Es ist nicht ausreichend, wenn man mal eine Sonderausgabe macht und das Thema ansonsten ignoriert“, findet Friederike Mayer. Die Initiative fordert ein eigenes Format, dass das Klima konsequent in den Vordergrund stellt und nicht bloß gelegentliche Berichte in einer untergeordneten Rubrik.

Sie sieht den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender mit Blick auf das Klima als nicht erfüllt an. „Ich sehe, dass sich etwas tut. Aber mir persönlich, geht es immer noch zu langsam“, sagt Mayer. Außerdem konzentriere sich die Berichterstattung häufig nur auf Extremwetter-Ereignisse. „Dann gibt es meistens sehr viele Berichte, aber dazwischen herrscht großes Schweigen. Das ist einfach nicht mehr angemessen angesichts der Lage, in der wir uns befinden.“

Im September 2019 wurden 1325 Personen in Deutschland befragt, ob sie an eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels durch die Menschen glauben. 75% glaubten, dass das nicht mehr möglich sei. Zahlen wie diese verdeutlichen, dass es an Aufklärung bedarf.

Bis wegschauen nicht mehr geht

Ein Beispiel für ein Extremereignis war der Hitzesommer 2018. Nach den Rekordtemperaturen und der folgenden Dürre gab es im Journalismus wie auch in der Bevölkerung ein Umdenken. Plötzlich war der Klimawandel spürbar und nicht mehr bloße Theorie. Unzählige Artikel warnten vor weiteren Hitzewellen als Folge des Klimawandels. Doch diese Dynamik hielt nicht lange an. Das bemerkte auch Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg. „Die Berichterstattung ist unvollständig und suggeriert, dass man gegen den Klimawandel nichts machen kann“, sagte Brüggemann in einem Podcast des BR. (6) Seiner Meinung nach müssen die Medien für mehr Aufklärung eine tiefergreifende und vor allem wiederkehrende Berichterstattung leisten. Nur wenn Menschen Inhalte regelmäßig konsumieren, sind die Informationen nachhaltig. Außerdem müssen die Berichte greifbare Handlungsmöglichkeiten für die Bevölkerung eröffnen. „Es gibt Berichterstattung, die negativ über die Katastrophen informiert und es gibt welche, die Lösungsansätze diskutieren. Wir brauchen eine, die das beides kombiniert“, sagt Michael Brüggemann.

Es gebe durchaus gute Klimaberichterstattung, sagt auch Mayer von „Klima vor acht“. Allerdings fände diese lediglich in spezialisierten Medien statt. „Wir fordern ein regelmäßiges Format, dass Aspekte der Klimakrise verständlich aufbereitet, sodass es auch die breite Bevölkerung verstehen kann.“

„W wie Wissen“, „Plusminus“ und Co. machen mit ihrer Aufklärung einen guten Anfang, sind jedoch mit schlechten Sendeplätzen und zu oberflächlichen Darstellungen der Themen nicht stark genug. Zudem werden sie meist von Menschen konsumiert, die ohnehin Interesse für das Thema haben. Nicht von denen, die noch Aufklärung benötigen.

„In einer Gesellschaft, in der Fliegen billiger ist als Bahnfahren und Käse teurer als Fleisch, lässt sich nicht so einfach das Klima retten."

Eine Frage der Priorität

„Klima vor acht“ und vergleichbare Initiativen richten ihre Forderungen explizit an die öffentlich-rechtlichen Sender, denn anders als die privaten haben sie einen gesellschaftlichen Auftrag. Die Forschung ist umfangreich, oft kompliziert und damit schwer aufzubereiten. Nicht unbedingt attraktiv sind die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Masse – und damit auch unattraktiv für private Sender. Umso wichtiger sei es, dass unter anderem das öffentlich-rechtliche Fernsehen mehr Aufklärungsarbeit leistet. „Die ARD hat eine große Reichweite und Zielgruppen, die wir unbedingt erreichen müssen“, sagt Mayer.

Die Ergebnisse einer Studie unterstützen die Forderung von Mayer. Für diese befragte Michael Brüggemann Rezipienten zu der Berichterstattung über den UN-Klimagipfel. Demnach ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen die wichtigste Quelle, um sich über den Klimawandel zu informieren. (7)

Ohne Frage sind Medien wichtige Informationsvermittler, um ein Bewusstsein für den Klimawandel herzustellen. Sie müssen aufzeigen, wie dringend Veränderungen sind.

Quellen und Bildrechte

Textquellen:

Alle Online-Quellen wurden das letzte Mal am 19.01.2021 abgerufen.

[1] Norman Schumann im Interview mit der taz https://taz.de/Initiative-fuer-neue-ARD-Sendung/!5708280/

[2] https://fridaysforfuture.de/klimavor8-die-medien-und-die-klimakrise/

[3] https://www.startnext.com/klima-vor-acht

[4] Interview mit Frederike Meyer, Klima vor acht°. 07.12.2020

[5]  Interview mit Agnes Toellner, ARD. 15.12.2020

[6]  Michael Brüggemann im Interview mit dem BR https://www.br.de/mediathek/podcast/aktuelle-interviews/wie-ueber-den-klimawandel-reden-michael-brueggemann-professor-fuer-klimakommunikation-an-der-universitaet-hamburg/1787633

[7] Fenja De Silva-Schmidt/Michael Brüggemann, Media Perspektiven Fachzeitschrift 3/2019, S. 107-113

Zitat: Michael Brüggemann

Bildquellen:

Headerbild: Jasmin Sessler, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Twitter Beiträge:  

1.) @FFF_HU_Berlin https://twitter.com/FFF_HU_Berlin/status/1300856445051842560?s=20 

2.)@FFF_Berlin https://twitter.com/FFF_Berlin/status/1300854684811497472?s=20

Statistik: Statistik by ZDF Politbarometer 27.09.2019 on Statista https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1055156/umfrage/einschaetzung-der-chancen-im-kampf-gegen-den-klimawandel/

Genially Grafik:https://utopia.de/ratgeber/klimawandel-ursachen-folgen-mythen-luegen/

 

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