FRIDAYS FOR FUTURE

Fridays for Future

Klimaschutz im Trend?

Fridays for Future hat es geschafft, innerhalb kürzester Zeit viele Menschen zu mobilisieren und auf den Straßen für Klimaschutz zu kämpfen. Die Protestbewegung ist aus der heutigen Gesellschaft kaum noch wegzudenken und hat mit ihren regelmäßigen Schulstreiks an Freitagen für großes Aufsehen gesorgt. Doch was steckt hinter der beliebten Bewegung? Was hat die Bewegung angetrieben und was wurde erreicht? Darüber informieren wir euch auf dieser Seite.

Wir haben uns auf dieser Seite drei Schwerpunkte ausgesucht, zu denen wir jeweils ein umfangreiches Audio produziert haben. Neben den Audios haben wir jeweils einen Textbeitrag geschrieben, in denen Expert*innen und Stimmen aus der Gesellschaft sowie aus der Bewegung selbst zu Wort kommen. Besonders wichtig war uns bei der Recherche und Produktion, das Thema Fridays for Future aus allen Perspektiven zu beleuchten.


Wofür Fridays for Future steht

von Rick Arend

Jede Geschichte hat ihren Anfang, so auch die der Fridays-for-Future-Bewegung. Erst zwei Jahre sind vergangen, seitdem die junge Schwedin Greta Thunberg im Jahre 2018 mit ihren Protesten vor dem Reichstagsgebäude in Stockholm den Grundstein dieser Bewegung legte. Seitdem wuchs die Fridays-for-Future-Bewegung kontinuierlich weiter und erlangte bereits früh große mediale Aufmerksamkeit. Mehr über die Geschichte der Bewegung, ihre Ziele und welche Hindernisse sich bei der politischen Umsetzung dieser Ziele ergeben, wird in der ersten Folge unserer Podcast-Reihe noch genauer behandelt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kommunikation der Bewegung nach außen. Auch diese wird im Podcast sowie im folgenden Artikel thematisiert.

Die Daten der einzelnen Infografiken stammen aus Befragungen von FFF-Aktivist*innen, die vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) Berlin durchgeführt wurden. Diese Befragungen fanden in den Städten Berlin und Bremen statt.

Wie kommunizieren Bewegungen?

„Bewegungen, sofern sie um breite Unterstützung werben, sind auch im digitalen Zeitalter auf Präsenz in etablierten Massenmedien angewiesen, diese sind hingegen vom Auftritt sozialer Bewegungen nicht existenziell abhängig.“ So beschreibt der Soziologe Dieter Rucht in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ das seit jeher herrschende Problem der Protestbewegungen im Zusammenspiel mit den Medien. Diese Herausforderung tritt besonders in der heutigen Zeit auf, in der Social Media in der Kommunikation sowohl von Unternehmen, Bewegungen als auch von privaten Personen nicht mehr wegzudenken ist. Auch im Interview mit Politikwissenschaftler Dr. Michael Kolkmann von der Universität Halle, welches auch in der Podcastfolge 1 im Fokus steht, wurde dieses Thema ausführlich behandelt. Kolkmann betont, dass es wichtig sei, zu differenzieren, welche Inhalte nach außen getragen werden und welche im Gegenzug dazu gesondert an politische Akteur*innen herangetragen werden müssen. 

Wie wichtig ist Social Media für Fridays for Future?

Auch in der Kommunikation nach außen ergeben sich durch die Nutzungsmöglichkeiten der Social-Media-Plattformen einige Vorteile. Für eine Bewegung mit lockeren Strukturen wie Fridays for Future ist es leichter möglich, Menschen auf der ganzen Welt mit ihren Aufrufen zu erreichen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Protestaktionen von Greta Thunberg. Durch die rasante Verbreitung ihrer Demonstrationen auf den sozialen Plattformen wurden viele, besonders Schüler*innen, auf die junge Schwedin und ihre Mission aufmerksam und schlossen sich dieser an. Fridays for Future war geboren. Auch heute noch spielen Plattformen wie Instagram, Twitter oder Facebook in der Organisation und Absprache von Demonstrationen oder Aktionen eine große Rolle. Sie sind jedoch nicht hauptsächlich für den Erfolg der Bewegung verantwortlich, wie Jugendforscher Professor Mathias Albert in einem Interview mit deutschland.de von 2019 feststellt. „Man darf sie (die Social-Media-Plattformen, Anm. d. Verf.) in ihrem Potential nicht unterschätzen, aber man sollte sie auch nicht als zentralen Faktor sehen. Der Erfolg von Fridays for Future liegt vor allem daran, dass Menschen nicht nur den Like-Button bei Facebook drücken, sondern ihre Präsenz auf der Straße zeigen.“ Der Übergang zwischen der bloßen Zustimmung via Social Media und der aktiven Teilnahme an Demonstrationen oder Kundgebungen ist nun also das erklärte Ziel. Jedoch ergeben sich hierbei auch neue Herausforderungen. Bekennende Aktivist*innen und Klimaschützer*innen sind möglicherweise leicht zu erreichen, es wird lediglich ein Datum und eine Uhrzeit benötigt, zu der die Demonstration angesetzt wird, dann sind sie da. Deutlich schwieriger ist jedoch die Mobilisierung von Menschen, die mit Demonstrieren bis dato keinerlei Berührungspunkte hatten. Diese zu erreichen und einzig per Social Media von einer aktiven Teilnahme zu überzeugen, ist nicht leicht und bedarf einer wohl durchdachten und ansprechenden Kommunikationsstrategie. Doch wie wirkt die Kommunikation von Fridays for Future auf eben diese Menschen?

"Der Erfolg von Fridays for Future liegt vor allem daran, dass Menschen nicht nur den Like-Button bei Facebook drücken, sondern ihre Präsenz auf der Straße zeigen." - Prof. Mathias Albrecht, Jugendforscher

Wie Fridays for Future nach außen wirkt

„Es ist schon beeindruckend, was Greta und Fridays for Future in nur zwei Jahren alles erreicht haben, sie sind ja quasi in aller Munde“, erzählt der 22-jährige Justin. Er selbst war jedoch noch nie auf einer Demonstration und ist auch sonst privat nicht mit Fridays for Future in Kontakt gekommen. „Zu Anfang waren die Berichterstattungen über FFF ja noch überall. Vor allem im Radio, was bei uns auf der Arbeit den ganzen Tag läuft, war das Thema zur Anfangszeit der Bewegung noch dauerhaft vertreten“, erinnert sich der Logistiker. Weshalb er selbst nicht in der Bewegung aktiv ist, obwohl ihn das Thema Umwelt interessiert, hat mehrere Gründe. „Manche Aussagen von Greta oder anderen FFF-Mitgliedern, die man hört, sind sehr polarisierend und lassen die Bewegung für mich in keinem allzu positiven Licht stehen. Ich erinnere mich noch gut an einen Beitrag, den ich im Radio hörte, bei dem Teilnehmer einer FFF-Demo nicht einmal wussten, wofür sie gerade überhaupt demonstrieren.“ 

Die Kommunikation der Bewegung und die dadurch entstehende Wirkung auf (potenzielle) Teilnehmer*innen spielt für den 22-Jährigen eine wichtige Rolle. „Irgendwie holen mich diese Ausrufe von Fridays for Future nicht so ganz ab. Es klingt zum Teil schon alles sehr fordernd, fast schon wie ein Zwang. Ich würde mich auf so einer Demonstration, glaube ich, sehr verloren fühlen, weil ich nicht gerade dem Ideal eines Umweltschützers entspreche.“ Auch der 25-jährige Dominik kennt dieses Problem. „Eigentlich würde ich gerne mal zu so einer Demo gehen, aber allein traue ich mich das nicht so wirklich.“ Der junge Versicherungsfachmann befürchtet, nicht in die Bewegung zu passen, da er selbst nicht vollkommen umweltbewusst lebt. „Ich fahre einen Diesel wegen meiner Arbeit, lebe nicht vegetarisch und bestelle noch häufig online, das wäre doch eine Doppelmoral, wenn ich dann zu einer Klimaschutz-Demonstration gehe, oder nicht?“ Sowohl Justin als auch Dominik befürchten, bei Fridays for Future nicht willkommen zu sein, da sie selbst nicht nach allen Forderungen und Werten leben, welche die Bewegung nach außen hin vermittelt. „Wenn man Beiträge von und über FFF liest, hat man schon manchmal das Gefühl, nicht mitmachen zu können, wenn man nicht ohnehin schon auf diverse Arten Klimaschützer*in ist“, erklärt Justin. Er und Dominik betonen jedoch, die Arbeit der Bewegung grundsätzlich sehr lobenswert zu finden. Lediglich die Art der öffentlichen Kommunikation von FFF hält die beiden davon ab, vielleicht selbst auf der Straße für Klimaschutz aktiv zu werden.

„Es ist sicherlich keine Ausrede zu sagen, dass alle Schuld bei Fridays for Future liegt und ich mich deswegen nicht wohl dabei fühle. Aber ich denke, nicht wenige haben das gleiche Problem und vielleicht würden mehr Leute teilnehmen, wenn klar kommuniziert würde, dass nicht nur 1a-Klimaschützer auf diesen Demos willkommen sind, sondern alle, die etwas verändern möchten“, so Dominik. Es ist ein ganz klarer Appell an die Kommunizierenden von Fridays for Future. Bei der Erreichung und Mobilisierung von Unbeteiligten könnte es der wichtige erste Schritt sein, diesen Menschen klarzumachen, dass sie auch als Neulinge im Bereich Klimaschutz willkommen sind.

 


Wie Fridays for Future Menschen mobilisiert

von Annika Lobergh

Die erfolgreiche Mobilisierung vieler Menschen hat Fridays for Future unter anderem einer Vielzahl begünstigender Faktoren und einem geschickten Framing zu verdanken, worauf die zweite Podcastfolge ausführlich eingeht. Darüber hinaus unterscheidet sich Fridays for Future von anderen Protestbewegungen aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Diese Unterschiede sowie künftige Entwicklungsszenarien der Bewegung werden in der Folge ebenfalls thematisiert.

In der Studie vom ipb wurde auch nach dem Geschlecht der Aktivist*innen gefragt. Daraus ging hervor, dass die Mehrheit der Aktivist*innen weiblich ist, mit einem deutlich höheren Anteil an Frauen im Vergleich zu anderen Protestbewegungen.

Was ist der "Greta-Effekt"?

Aus der Bewegung Fridays for Future (FFF) sind bekannte Aktivist*innen wie die Initiatorin Greta Thunberg oder Luisa Neubauer nicht wegzudenken. Sie haben laut dem Schüler Calvin Thomas von Fridays for Future Zwickau maßgeblich zur Mobilisierung von jungen Menschen beitragen. Sie haben einfach gezeigt, dass Schüler und nicht erwachsene Menschen da was ändern können und dass sie da als Vorbild dienen können. Sie haben gezeigt, dass jeder etwas verändern kann, man muss sich bloß anstrengen und man muss es wollen.

Die Politikwissenschaftsstudentin Franziska Lauth von der Universität Konstanz spricht in diesem Zusammenhang vom Greta-Effekt“: Greta Thunberg war natürlich ein Vorbild und eine Identifikationsfigur für viele, was dazu geführt hat, dass Jugendliche, die sowieso schon an der Thematik interessiert waren, dann tatsächlich auch auf der Straße aktiv wurden. Dieser Effekt sei besonders am Anfang der Bewegung stark gewesen. Ich glaube aber auch, dass es mit der Zeit abgenommen hat. Das ist auch das, was andere Forscher in Daten gesehen haben, dass dieser ,Greta-Effekt’ nach ein paar Monaten nicht mehr so stark war wie noch zu Beginn. Lauth glaubt dennoch, dass Personen wie Thunberg oder Neubauer auch in Deutschland dazu beigetragen haben, Menschen zu mobilisieren. Darüber hinaus haben sie für mediale Aufmerksamkeit gesorgt, was ein weiterer wesentlicher Treiber für Protestbewegungen ist. Starke Auftritte wie derjenige von Greta Thunberg auf dem UN-Gipfel 2019 brachten Zitate wie How dare you hervor, die weltweit für Reaktionen gesorgt und die Bewegung gestärkt haben.

"Sie haben gezeigt, dass jeder etwas verändern kann, man muss sich bloß anstrengen und man muss es wollen." – Calvin Thomas, FFF Zwickau

Der Glaube an die Selbstwirksamkeit

Thunberg und andere Schlüsselfiguren sind jedoch nicht der einzige Grund für die rege Teilnahme an den Fridays-for-Future-Demonstrationen gewesen: Mit der Arbeitsgruppe Corporate Social Responsibility, geleitet von Juniorprofessor Dr. Sebstian Koos, an der Universität Konstanz hat Lauth Befragungen von FFF-Aktivist*innen durchgeführt, bei denen auch Selbstwirksamkeit als wichtiges Motiv angegeben wurde. Die Aktivist*innen sind demnach davon überzeugt, dass sie durch ihr Handeln tatsächlich etwas bewegen können. Auch der Student Pascal Hammes von Fridays for Future Aachen betont neben der Rolle von Schlüsselfiguren einen weiteren Aspekt, nämlich den der lokalen Unterstützung: Auf der einen Seite ist es wichtig, dass wir wichtige Personen in der Bewegung haben. Aber das, worauf es ankommt, und das sagen beide auch selbst, ist gar nicht, dass es diese beiden an sich gibt, sondern dass es auch auf der lokalen Ebene Menschen gibt. Man sagt ja immer ,Think global, act local’ und ich denke, das ist das wichtigere.

Klimastreik ist mehr als schwänzen

In der Öffentlichkeit wurde vor allem zu Beginn der Bewegung darüber berichtet, dass Schüler*innen für Fridays for Future freitags Unterricht geschwänzt haben. Der Organisations- und Zeitaufwand für die Planung von Demonstrationen und Aktionen ging dabei in der Diskussion unter. „Das machen die Schüler*innen eben nicht während der Schulzeit, sondern am Wochenende“, erklärt Pascal Hammes. Die einzelnen Ortsgruppen treffen sich regelmäßig, um Aktionen zu planen. „Ich habe bei Fridays for Future nicht als Schüler angefangen, sondern ich bin erst dazugekommen, als ich schon Student war. Und dann habe ich aus eigenen Erfahrungen erlebt, wie bemerkenswert es ist, wie sie es schaffen, sich einmal in der Woche zusammenzusetzen und mehrere Stunden darüber zu diskutieren, was man alles machen könnte, zusätzlich zu den Demos.“

Jede Ortsgruppe (OG) strukturiert ihre Arbeitsweise eigenständig. „Wir haben in Aachen ein eigenes Selbstverständnispapier geschrieben, wie wir unsere Teamarbeit in Aachen handhaben wollen“, erzählt Hammes. Dies wird nicht Ortsgruppen-übergreifend beschlossen, sondern individuell festgelegt. Jede Ortsgruppe organisiert sich somit selbst. „Das klappt vor allem durch Teamwork und durch Freundschaft. Das sind wesentliche Aspekte, die bei Fridays for Future in vielen OG’s und auch OG-übergreifend existieren.“ Wenn er FFF-Aktivist*innen aus anderen Ortsgruppen Deutschlands kennenlernt, entsteht direkt eine freundschaftliche Verbindung und Fridays for Future fühlt sich für ihn wie eine Art Familie an. „Diese Dynamik macht die Bewegung auch unglaublich stark.“ Neben Freundschaft und Zusammenhalt ist für Calvin Thomas von der Ortsgruppe Zwickau Spaß ein weiterer Grundstein für die erfolgreiche Arbeit: „Unsere Ortsgruppe Zwickau macht auf jeden Fall aus, dass wir uns alle sehr gut kennen und dass es oft sehr lustig in unserer OG und in unserem Plenar ist.“

Wie ich Fridays for Future erlebt habe

von Annika Lobergh

Für mich persönlich war Umweltschutz schon lange vor der Gründung von Fridays for Future ein wichtiges Thema. Bereits mit neun Jahren habe ich mit meiner Familie gegen ein nahe gelegenes Atomkraftwerk demonstriert und das Thema Klimaschutz wurde bei uns zu Hause häufig diskutiert. Doch mir fehlten in meiner Jugend sowohl gut organisierte Klimaproteste als auch Proteste in meiner Nähe. Doch dann kam Fridays for Future: Die Bewegung hat durch ihre Organisation in zahlreichen Ortsgruppen regelmäßige Demonstrationen auf lokaler Ebene ermöglicht, sodass interessierte Menschen nicht mehr weit fahren mussten, um an Klimaprotesten teilzunehmen.

Seit der Gründung der Protestbewegung habe ich selbst an einigen Demonstrationen teilgenommen: an kleinen mit knapp 50 Teilnehmenden und an großen mit über 40.000 Teilnehmenden. Manchmal bin ich mit einer Gruppe hingegangen und manchmal auch allein. Obwohl Fridays for Future teilweise unter Skeptiker*innen den Ruf hat, Erstdemonstrant*innen oder Menschen nicht willkommen zu heißen, die nicht konsequent nachhaltig leben, habe ich mit der Bewegung in den letzten Jahren nur positive Erfahrungen gemacht. Die meisten Menschen, die an Klimaprotesten teilnehmen, leben selbst nicht zu 100 % klimaneutral und das ist auch nicht der Fokus der Bewegung. Fridays for Future möchte neben politischen Forderungen in der Öffentlichkeit vor allem das Bewusstsein für Klimaschutz und Nachhaltigkeit schaffen. Das bedeutet: Jeder Mensch kann seinen individuellen Beitrag dazu leisten, so gut es eben geht. Ich habe auf den Demonstrationen vor allem eine breit gefächerte Menge an Menschen gesehen und erlebt, die genau das versuchen. Auch ich lebe nicht klimaneutral, aber ich bemühe mich trotzdem darum, meinen Beitrag für den Klimaschutz zu leisten und auch andere Menschen dazu zu motivieren, dies zu tun. Ich habe großen Respekt vor Fridays for Future, denn sie kämpfen unermüdlich für eine bessere Zukunft auf unserer Erde und sind für jede Unterstützung im Kampf für den Klimaschutz und gegen den Klimawandel dankbar.


Was Fridays for Future erreicht hat und erreichen sollte

von Timo Zingsheim

Fridays for Future hat es geschafft, das Klimathema in den Köpfen der Menschen zu positionieren und es in der Politik zum täglichen Diskussionsthema zu machen. Neben vielen positiven Dingen, die Fridays for Future schon erreicht hat, gibt es aber auch Kritik an der Klimabewegung. Wie die Kritikpunkte konkret aussehen, wird in dieser dritten Folge besprochen.

In der Studie des ipb wurden die FFF-Aktivist*innen auch nach ihren (angestrebten) Bildungsabschlüssen befragt. Daraus ging hervor, dass vorrangig Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen an den Demonstrationen von Fridays for Future teilnehmen. Außerdem sollten die Demonstrant*innen auch eine Selbsteinschätzung abgeben, zu welcher sozioökonomischen Schicht sie sich selbst zugehörig fühlen. Hierbei haben sich die Aktivist*innen eher höheren sozioökonomischen Schichten zugeordnet. Obwohl es sich um eine Selbsteinschätzung der Aktivist*innen handelt, kann man diese Einschätzungen der sozioökonomischen Zugehörigkeit laut den Forscher*innen der Studie auch in anderen europäischen Ländern finden.

Fridays for Future gegen den Rest der Klimabewegungen?

Beim Stichwort ‚Klimaschutz‘ denkt man sofort an die Protestbewegung Fridays for Future (FFF). Diese Bewegung wird heutzutage auf den meisten Klimastreiks am häufigsten vertreten sein, aber wer mischt sonst noch mit? Neben FFF sind unter anderem auch Greenpeace, Parents for Future, Scientists for Future, Ende Gelände, Mitglieder der GRÜNEN, Extinction Rebellion, die Jugendorganisation der Linken und der BUND auf Klimaprotesten vertreten – ein bunter Mix aus verschiedenen Bewegungen, aber auch aus Parteien, die die Klimastreiks mitgestalten und mittragen. Laut Prof. Dr. Sebastian Haunss, Professor am Forschungszentrum „Ungleichheit und Sozialpolitik“ der Uni Bremen, hat FFF innerhalb kurzer Zeit eine relativ große Distanz sowohl zu den politischen Parteien als auch zu den etablierten Umweltorganisationen aufgebaut. Diese Distanzierung von Parteien und anderen Umweltbewegungen war laut Prof. Dr. Haunss sehr intelligent, um beispielsweise einer Instrumentalisierung durch eine Partei vorzubeugen.

Inzwischen hat sich die Bewegung aber auch teilweise mit anderen Klimabewegungen solidarisiert. Fridays For Future Zwickau, so erklärt Calvin Thomas, Aktivist bei FFF Zwickau, habe sich schon mit der Bewegung Ende Geländesolidarisiert. Man unterstütze sich, wenn es um den Umweltschutz geht. Prof. Dr. Sebastian Haunss sieht es nicht besonders kritisch, dass sich FFF anderen Umweltbewegungen zumindest punktuell annähert. „Ich denke, es muss diese Zusammenarbeit geben und damit wäre Fridays for Future auch dann wiederum nicht groß anders als andere Protestbewegungen, die auch immer wieder punktuell mit einer Vielzahl anderer Akteure zusammengearbeitet haben, ohne dadurch ihre eigene Identität aufzugeben.“ Was er allerdings kritisch sieht, ist die interne Organisation der Bewegung. „Inzwischen ist die Bewegung vielfältiger geworden, aber die Organisationsstrukturen sind gleich geblieben“, erklärt Haunss. Zu der Vielfalt haben vor allem andere Bewegungen beigetragen, die aus FFF entstanden sind, wie Parents for Future oder Scientists for Future. Jede Bewegung bzw. jede*r Beteiligte hat dabei seine eigenen Vorstellungen und Forderungen und versucht, diese in der Diskussion und in der Organisation von Protesten einzubringen. Wenn nun die Proteste, die FFF organisiert, von anderen Bewegungen getragen werden, könnte das laut Haunss für eine soziale Bewegung wie FFF ein Problem werden. Denn niemand nehme dann mehr wahr, dass eigentlich Fridays For Future hinter den Protesten steht und FFF könnte damit an Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verlieren.

"Inzwischen ist die Bewegung vielfältiger geworden, aber die organisationsstrukturen sind gleich geblieben." – Prof. Dr. Sebastian Haunss, Politikwissenschaftler

Fridays for Future mit oder gegen andere soziale Protestbewegungen?

Neben Klimastreik und Umweltprotesten gibt es auch noch eine Vielzahl anderer politischer Demonstrationen, die thematisch aus anderen Gründen entstanden sind. Solidarisiert sich FFF auch mit anderen Themenfeldern? Fridays for Future Aachen zum Beispiel tut laut Aktivist Pascal Hammes genau dies und arbeitet auch an anderen Projekten. Der FFF-Aktivist erklärt: „Wir arbeiten viel mit [der Bewegung] Seebrücke, mit flüchtenden Menschen, was an sich keine Klimakrisen-Themen sind, sondern wir versuchen, es weiter zu fassen.“ Sie solidarisieren sich mit anderen Nicht-Klimabewegungen und arbeiten an Projekten mit, aber auf andere Demonstrationen geht FFF dann nicht zwingend. Das entscheidet jede Ortsgruppe (OG) und jede*r innerhalb der Gruppe für sich selbst. Einige OGs lehnen jedoch auch eine Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen ab.

560 km von Aachen entfernt, wieder in Zwickau, beschreibt Calvin Thomas die Lage folgendermaßen: „Manche OGs gehen mehr auf andere Bewegungen, auf andere linke Bewegungen, ein und machen da mehr darauf aufmerksam. Manche OGs sagen, wir bleiben einfach nur in diesem Klima-/Umweltspektrum und bewegen uns da jetzt nicht heraus, weil wir keine Leute verlieren wollen.“ Wenn sich FFF für eine Sache einsetzt, mit der sich nicht alle identifizieren können, kann sich das möglicherweise negativ auf die Mobilisierung auswirken und die Zahl der Teilnehmer*innen könnte somit bei den nächsten Demonstrationen niedriger ausfallen. Die Bewegung könnte sich jedoch andersherum die Frage stellen, ob man mit diesen Menschen auf FFF-Protesten für seine Ziele kämpfen möchte, wenn man nicht zu 100 % in den Überzeugungen übereinstimmt. Calvin Thomas findet es persönlich sehr wichtig, sich mit anderen sozialen Protestbewegungen politisch zu engagieren, sich mit Menschen zu verbinden, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen – besonders im regionalen Spektrum.

Beim Thema Klima können laut Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt nur viele unterschiedliche Beteiligte etwas bewirken oder verhindern. Er ist Gründer und Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Gesellschaftlicher Wandel ist ihm zufolge eine Voraussetzung für eine tatsächliche Veränderung. Dabei gebe es immer verschiedene Interessensphären, die Einfluss hätten: Politik-, Produktion- und Konsumsphäre. „Politiksphäre, das ist nicht nur, was wir beobachten. Das sind die Politiker, die Wähler, die Leute in den Parteien und in Verbänden, die Leute, die auf Demonstrationen gehen, zu FFF“, erklärt der Klimaexperte. Neben den Demonstrant*innen bei FFF befinden sich aber auch andere in dieser Politiksphäre auf verschiedenen Demonstrationen. Wenn Fridays for Future durch die Beteiligungen bei anderen Protesten mehr Leute für Klimaproteste gewinnen kann, sich mehr Leute anderweitig politisch für das Klima engagieren und insgesamt mehr Druck auf die Politiksphäre ausgeübt wird, erhöhen sich die Chancen für eine wirkliche Veränderung.



Studie über die Fridays for Future-Bewegung

Als Teil eines europaweiten Forschungsprojekts wurden während der FFF-Klimaproteste im März 2019 in den Städten Berlin und Bremen Demonstrationsbefragungen durchgeführt. Hierbei sollte mehr über die Soziodemographie der Aktivist*innen sowie über Motive und Mobilisierungswege in Erfahrung gebracht werden. Die Befragungen von FFF-Aktivist*innen wurden vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) Berlin durchgeführt und die zentralen Befunde für Deutschland in einem Working Paper verschriftlicht. Die Studie findet ihr hier: 

Studie über FFF in Deutschland

Autoren: Moritz Sommer, Dieter Rucht, Sebastian Haunss und Sabrina Zajak, ipb
Veröffentlichung: August 2019

Ausblick

Wir sind in unserem Projekt der Frage nachgegangen, ob sich die Protestbewegung nur kurzfristig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit befand oder ob sie langfristig einflussreich bleiben wird. Nachdem wir Expert*innen und Menschen aus der Gesellschaft um eine Einschätzung gebeten haben, sind wir zu mehreren zentralen Erkenntnissen gekommen. Bei sozialen Protestbewegungen wie Fridays for Future ist es grundsätzlich schwierig, die Entwicklung vorherzusehen und den Erfolg einer Bewegung zu messen. Dennoch spricht derzeit einiges für eine weiterhin positiv bleibende Entwicklung. Trotz der derzeitigen Corona-Pandemie ist die Bewegung im Rahmen der Möglichkeiten weiterhin aktiv geblieben und hat andere Kanäle für den Klimaprotest genutzt, zum Beispiel über den Hashtag #climatestrikeonline über Instagram und Twitter. Fridays for Future steht aber künftig auch vor einigen Herausforderungen: Die Bewegung ist seit der Gründung heterogener geworden, wodurch die Meinungen innerhalb der Bewegung diverser geworden sind. Hier muss Fridays for Future einen guten Weg finden, alle Meinungen miteinander zu vereinbaren, ohne ihre Identität aufzugeben. Um auch künftig große Straßenmobilisierungen zu erreichen, sollte die Bewegung weiterhin symbolisch aufgeladene Termine nutzen, um in den Medien präsent zu bleiben. Da der Klimawandel ein dringliches Thema bleibt, wird die Fridays for Future-Bewegung auch künftig ihren Anlass haben, auf den Straßen zu protestieren.

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