Fankultur Auswärtsfahrten

"Alle Urlaubstage für den Fußball"

5000 Mal um die Erde - Wenn jedes Spiel zählt​

Mit dem Auto, der Bahn oder mit dem Bus. Dreimal zum Mars und wieder zurück. Diesen Satz würde man am ehesten von einer Weltraumorganisation erwarten. In diesem Fall ist die Strecke gemeint, die Fußballfans in der Saison 2019/2020 insgesamt zurückgelegt haben, um zu Auswärtsspielen zu gelangen. Wer es wirklich ernst meint, unterstützt seinen Verein ausnahmslos bei jedem Spiel im Stadion. Die Autoren erzählen, was es bedeutet, Fußballfan zu sein. Darüber hinaus haben sie Zahlen und Daten gesammelt und ausgewertet, um herauszufinden, wie viele Kilometer die Anhänger welchen Vereins in der Saison 2019/2020 zurückgelegt haben.

In der Grafik oben lässt sich genau nachvollziehen, an welchem Spieltag sich welche Vereine begegnet sind und von wie vielen Auswärtsfans sie live im Stadion angefeuert wurden. Am ersten Spieltag spielte der FC Bayern München gegen Hertha BSC in Berlin. Zu diesem Spiel sind 4000 Fans des FC Bayern angereist. Knapp 500 Kilometer haben die Fans dabei zurückgelegt. In den Grafiken darunter sind die zurückgelegten Kilometer und die Anzahl der Auswärtsfans zu sehen, dargestellt als horizontales Balkendiagramm, um die Unterschiede bestmöglich zu veranschaulichen. Der FC Bayern München führt bei den zurückgelegten Kilometern mit knapp 26 000 000 Kilometern, die sie in der Saison 19/20 für ihren Verein gefahren sind. Die meisten Fußballfans aber kamen mit 72 500 von Borussia Dortmund.

Vergossenes Bier auf der Jacke, enges Gedränge im Block, das Donnern der Fangesänge – der übliche Samstagnachmittag im Stadion für Tausende begeisterte Fußballfans.

Zehn Prozent der Stadionkapazität ist das Kontingent, dass den Gästefans üblicherweise bei Auswärtsspielen zur Verfügung steht. Zehn Prozent – regelmäßig gefüllt mit Begeisterung und Enttäuschung – ein konstantes Auf und Ab in 90 Minuten. Aber nicht nur im heimischen Stadion wird mitgefiebert und unterstützt, auch auswärts ist es unerlässlich, dabei zu sein und seinen Verein als zwölfter Mann oder zwölfte Frau durch Hymnen, Anfeuerungsrufe und Torjubel beizustehen.

Die Fans des FC Bayern München waren während der Saison 2019/2020 am längsten für ihren Verein unterwegs – unschlagbare 25,9 Millionen Kilometer sind sie durch Deutschland gefahren, um die Spieler live im Stadion zu unterstützen. Dahinter folgen mit 24 Millionen gefahrenen Kilometern die Fans des 1. FC Union Berlin. Die wenigsten Kilometer haben die Mainzer Fans und die Anhänger des TSG Hoffenheim mit gerade mal 2,4 und 2,67 Millionen Kilometern zurückgelegt.

Die meistens Fans kamen für Borussia Dortmund zu Auswärtsspielen. Sie stehen mit 72 500 Fans an der Spitze. Und was man von Schalke 04 normalerweise nicht gewohnt ist, ist hier Realität: Auf einem der ersten Plätze der Tabelle folgen die Anhänger des ebenfalls im Ruhrgebiet ansässigen Vereins. Ihn haben die Spieler mit 72 000 treuen Fußballfans in der Saison 2019/2020 angefeuert. Auf dem letzten Platz stehen auch hier die Fans des 1. FSV Mainz 05, sowie die Anhänger des TSG Hoffenheim mit 10 070 und 10 650.

Der Aufwand, den die Auswärtsfans betreiben, zeigt Wirkung: Untersuchungen von Sportpsychologen, unter anderem von Sportpsychologe Bradley Busch, zeigten, dass die Unterstützung der Fans in den Stadien die Leistungen der Spieler so sehr steigern kann, als stünde wirklich ein zwölfter Spieler auf dem Spielfeld. Lautstarke Fangesänge und Torjubel kann die unterstütze Mannschaft dazu motivieren, bis zu sieben Prozent höheren Einsatz zu bringen. Die deutschen Fans gehören mit durchschnittlich 90 Dezibel zu den lautesten in ganz Europa. Quelle

Auf Platz eins der europäischen Nationen stehen die französischen Fußballfans. Mit lautstarken 99 Dezibel feuerten sie ihre Mannschaften an. Zum Vergleich: Dieser Lärmpegel ist nicht viel leiser als eine Polizeisirene.

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Zahlenmäßig in der Minderheit sein, die Gefahr, als Fan der gegnerischen Mannschaft enttarnt zu werden, in der einzigen Kölschkneipe der Gegnerstadt Gleichgesinnte kennenzulernen – das sind nur ein paar Aspekte, die das Auswärtsspiel zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Das sagen Alisa und Manuel. Beide sind seit vielen Jahren in der Fanszene aktiv. Sie und viele andere Fußballfans sind viele Kilometer gefahren. Aus Liebe zum Verein umrundeten sie zusammen fast 5000 Mal die Erde in der Saison 2019/2020 durch Fahrten zum Auswärtsstadion

,,Ich fühle mich sehr sicher bei Heimspielen"
58%
,,Ich fühle mich sehr sicher bei Auswärtsspielen"
36%

Alisas Verein ist, wie es sich durch die räumliche Nähe ihres Geburtsorts Köln schon fast erahnen lässt: der 1. FC Köln. Manuel unterstützt als gebürtiger Frankfurter die Eintracht und darüber hinaus die Fanszene Eintracht Frankfurts im Großraum Köln. Bei Alisa und Manuel spielt der Heimatbezug eine große Rolle, wenn es um die Frage geht, wie sie zu ihrem Verein gefunden haben.

„Bei mir wurde die Wahl meines Vereins nicht durch das Elternhaus beeinflusst, sondern das war eher das soziale Umfeld“, erklärt der selbstständige Designer und Berater. Alisa, die als Lehrerin an einer Förderschule für geistige Entwicklung in Köln arbeitet, habe sich schon, als sie klein war, stark für verschiedene Sportarten interessiert. Da kam der 1. FC Köln ihr gerade gelegen.

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Kilometer trennen die Erde vom Mars

„Du siehst was von der Welt“

Die Distanz, die Fußballfans zum Auswärtsstadion zurücklegen, entspricht der Strecke, die es braucht, um 5000 Mal die Erde zu umrunden. Nicht viel weniger Kilometer ist Marcus, der als Journalist in Köln arbeitet, in seinem Leben gefahren, um zu den Spielen seiner Mannschaften zu gelangen. ,,Da kommen schon einige Kilometer zusammen“, sagt er.

Aber nicht nur Distanzen müssen für den Verein überwunden werden. Auch Sprachbarrieren in Russland oder Fan-Züge, die sich irgendwo zwischen Köln und Sankt Pauli verfahren, müssen als begeisterter Auswärtsfahrer und begeisterte Auswärtsfahrerin bewältigt werden. „Es geht aber auch darum, neue Städte, Orte und Stadien kennenzulernen“, beschreibt Marcus. Und weiter: „In den seltensten Fällen sind wir auswärts gefahren, nur um das Spiel zu sehen.“ Zwei oder drei Übernachtungen, um sich die Städte des gegnerischen Vereins anzusehen, standen meistens mit auf dem Plan. „So lässt sich die Leidenschaft für den Fußball und das Reisen wunderbar miteinander verknüpfen“, erzählt der 48-Jährige.

Das erste Mal hat der Journalist 1996 bei der Europameisterschaft in England die deutsche Nationalmannschaft unterstützt. „Die Atmosphäre in England war unbeschreiblich, ein Großteil des Landes war in dieser Stimmung, der man sich einfach nicht entziehen konnte“, beschreibt der 48-Jährige. Er ist für eine lange Zeit zu Auswärtsspielen durch Europa gereist, um die deutsche Nationalmannschaft bei ihren Spielen in internationalen Turnieren zu unterstützen.

Durch den Fußball ist Marcus viel herumgekommen. Länder wie England, Irland, Belgien, Russland oder Portugal zählten zu seinen Zielen. „Heutzutage kommt man leider kaum mehr an Karten, das war früher viel entspannter“, sagt er. „Da ist der Reiz leider verloren gegangen.“ Seitdem stehen die Spiele von „Der Mannschaft“ für ihn eher hinten an.

Neben der deutschen Nationalmannschaft hält Marcus zum 1. FC Köln und dem Verein seiner Heimat: Rot-Weiß Essen. Allerdings gestaltet sich dort das Stadionerlebnis auch nicht immer einfach. „Wenn dir dann das Bübchen neben dir vorschreiben möchte, wann du welches Lied mitzusingen hast, geht im Gästeblock manchmal die Stimmung verloren“, erzählt Marcus. Vorlaute Fans nehmen ihm aber nicht die Lust, bei einem Auswärtsspiel live mitzufiebern. Das schafft noch nicht mal ein Auswärts-Derby in Mönchengladbach, „bei dem wir in der Regel verlieren, das ist tatsächlich immer frustrierend“. Dennoch kann sich Marcus nicht vorstellen, die Leidenschaft am Auswärtsfahren jemals zu verlieren.

In Nordrhein-Westfalen ist der Ansturm der Fußballfans am größten. Bei zwölf Vereinen aus NRW, die in der ersten und in der zweiten Bundesliga vertreten sind, erklärt sich die Grafik fast von selbst. Außerhalb Nordrhein-Westfalens sind die Commerzbank-Arena der Eintracht Frankfurt, die Allianz Arena des FC Bayern München, das Weserstadion von Werder Bremen sowie das Stadion an der Alten Försterei des 1. FC Union Berlin mit jeweils über 60 000 Auswärtsfans die am meisten besuchten Stadien in Deutschland.

Die Krönung: Ein Spiel in der Europa League

Für Manuel gibt es gibt nichts schöneres, als mit einer großen Gruppe Fans gemeinsam im Zug durch Deutschland zu einem Spiel zu fahren. Bevor es zusammen in den Block geht, „sammeln wir uns alle in einem Waggon, meist wird schon gesungen und der erste Ebbelwoi getrunken“, erzählt er. Von da aus geht weiter zum Stadion. „Dort trifft man dann die ganzen Freunde aus allen Teilen des Landes“, berichtet der 37-Jährige.

Etwas ganz Besonderes sind für Manuel natürlich die Auswärtsspiele in der Europa League. „Die sind immer mit Reisen in andere Länder verbunden, das macht das Ganze sehr spannend“, erklärt er. Dazu zählt natürlich auch das Spiel in London 2019. Im Halbfinale der Europa League spielte Eintracht Frankfurt gegen Chelsea London an der Stamford Bridge. Ausgeschieden ist die Eintracht damals im Elfmeterschießen. „Das war schlimmer als die Niederlage im Pokalfinale 2017 gegen Borussia Dortmund“, berichtet Manuel „man konnte sich danach wegen der Sperrstunde noch nicht mal ordentlich betrinken.“

,,Fanmitbringsel wie Fahnen oder Banner zeigen die Unterstützung der Fans auch optisch und können die Spieler dazu motivieren, ihre Leistung um bis zu acht Prozent zu steigern.“
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Bradley Busch
Sportpsychologe

Samstag 15:30 Uhr: Was muss passieren, damit du Fußball ausfallen lässt? Da waren sich alle ziemlich einig. „Das kommt selten vor, ist aber möglich. Wenn etwas wichtiger ist, Freunde und Familie zum Beispiel“, sagt Manuel. Alisa ist da ähnlicher Meinung: „Verabredungen mit Freunden oder Familie sage ich nicht ab“, erzählt sie. Und weiter: „Aber natürlich frage ich, ob ich währenddessen Fußball gucken kann, wenn es die Umstände erlauben.“

Für Marcus gab es früher nicht viel, was ihn aufgehalten hätte. „Vor zehn Jahren habe ich noch meinen Urlaub auf die Fußballspiele ausgerichtet, damit ich jedes Spiel verfolgen kann.“ Dazwischenkommen konnte damals nur ein wichtiger Vorfall in der Familie. Bedingt durch seine zwei Söhne steht für ihn jetzt die Zeit mit der Familie an oberster Stelle.


"Ich ertrage die leeren stadien nicht"

Kreisligaspiele als Ausgleich

Die Begeisterung für den Fußball und die unabdingbare Treue, die auch bei Auswärtsspielen keinen Halt kennt, nimmt viel Zeit und Nerven in Anspruch. Eine große Veränderung brachte im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie. Spiele der Bundesliga wurden zeitweise komplett eingestellt, und an volle Fankurven und laute Fangesänge im Stadion war nicht mehr zu denken. Der Fanalltag Tausender Fußballbegeisterter hat sich von Grund auf verändert. „Der Fußball hat aktuell einen viel geringeren Stellenwert in meinem Leben. Das liegt auch an der aus meiner Sicht unattraktiven Spielweise ohne Publikum“, berichtet Manuel.

Alisa sieht das Ganze eher positiv. „Immerhin hat man jetzt wieder mehr von Wochenende“, sagt sie. „Außerdem bekomme ich durch Konferenzen mehr von anderen Spielen mit.“ Marcus fällt seine Leidenschaft pandemiebedingt schwerer. „Ich gucke im Moment keinen Fußball“, erzählt der Journalist. „Ich ertrage die leeren Stadien nicht.“

Da zwei Vereine in seinem Herzen schlagen, freut er sich, dass immerhin sein Heimatverein Rot-Weiß Essen eine tolle Saison spielt. Wenn auch ohne jegliche Unterstützung der Fans bei Geisterspielen. Als Ausgleich dazu hat er sich Kreisligaspiele in der Nähe seines Wohnortes Frechen angeschaut. „Das hat mir mehr gebracht, als die Geisterspiele in den leeren Stadien zu sehen.“ Ganz loslassen konnte er aber dennoch nicht und hat jedes Spiel seiner Vereine über einen Ticker im Internet verfolgt.

Für die Zukunft wünscht sich Alisa, dass alles wieder so wird wie früher. Auch Manuel wünscht sich wieder volle Stadien und den normalen Fan-Alltag. Was ihm ebenso wichtig ist: Dass sich in Zukunft die „absurde Preisspirale nicht weiter nach oben dreht“, sagt er. „Gehälter und Ablösen sind in den Jahren vor der Pandemie exorbitant in die Höhe geschossen und im Gegenzug auch die Kosten für Tickets, Fanartikel und ähnliches“, erzählt der 37-Jährige. „Während der Pandemie hat sich gezeigt, dass Vereine auch sparsamer wirtschaften und Spieler auf ein paar Prozent Gehalt verzichten können.“

,,Die Menschen und die Unbeschwertheit fehlen mir sehr.“
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Marcus

Marcus war sich sofort sicher: „Für die Fußballzeit nach der Pandemie wünsche ich mir den Aufstieg von Rot-Weiß Essen und den Klassenerhalt des FC.“ Aber auch er wünscht sich das Fußballerlebnis zurück, das er vor der Pandemie gelebt hat. „Die Menschen und die Unbeschwertheit fehlen mir sehr“, sagt er, „und auch die Normalität eines Alltags-Heimspiels, das schon um zwölf Uhr mit einem Bierchen im Biergarten begonnen hat.“

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